Taitung und chinesisches Neujahr

Vom 23. bis 27. Januar hatten alle Studenten in der Sprachschule auf Grund des chinesischen Neujahres frei bekommen. Zunächst hatte ich noch nicht gewusst wie ich die freie Zeit verbringen sollte, und hatte mir nur vorgenommen zu lernen, da ich nächste Woche einen etwas größeren Test schreiben werde, kurz vor Beginn der Ferien ergaben sich allerdings doch noch zwei Alternativen: nachdem ich einem Freund in einer prekären Lage eine Woche zuvor einen Gefallen getan hatte, lud er mich ein die Festtage mit ihm und seiner Familie in Changhua, der nächst größeren Stadt südlich von Taichung, zu verbringen. Außerdem hatte man mir noch angeboten den Übergang ins neue Jahr in Taitung, an der Ostküste Taiwans, zu feiern.

Da ich bereits am 21. Januar eine Freundin in Zhanghua besucht hatte, und so schon die Möglichkeit genutzt hatte einen Teil der Stadt und einige Sehenswürdigkeiten anzugucken, entschied ich mich nach Taitung zu fahren, da es von der Westküste Taiwans immer eine recht aufwendige Angelegenheit ist an die Ostküste zu kommen. Warum? Ganz einfach: In Taiwan gibt es zwei Bahnrouten. Die Bergroute, und die Seeroute. Zentral-Taiwan ist von einem einzigen Gebirgsmassiv bedeckt, weshalb einem oft nichts anderes übrig bleibt, als entlang der Küste bis an seinen Bestimmungsort zu fahren. Die Bergroute bedeutet nicht, dass die Strecke quer durchs Massiv geht, sondern dass nicht an der Küste entlang gefahren wird, was somit auch schon der Befahrung einer bergigen Route gleich kommt (da es überall kleiner und größere Berge gibt).

Von Taichung nach Taitung fahren alle Züge entlang der Seeroute, und damit einen wesentlichen Umweg, was aber auch sein gutes hat, wie ich gleich noch erkläre. Ich entschied, dass ein mittelschneller Zug sowohl preislich als auch zeitlich am besten für die Reise geeignet wäre. Das bedeutet konkret: ich habe für beide Tickets ~30€ bezahlt, und war rund 6,5 Stunden pro Fahrt unterwegs (Luftlinie beträgt die Distanz zwischen den beiden Städten: ~161km; tatsächlich zurückgelegt habe ich allerdings: ~400km!). Wem jetzt Zweifel an meiner geistigen Gesundheit kommen, weil er sich denkt: „Er redet von ‚mittelschnellen Zügen‘ die da über 6 Stunden für die Strecke unterwegs sind…“ – nur zum Vergleich: es gibt auch Züge die länger als 10 Stunden für diese Strecke brauchen. Dazu kommt das Schienennetz ist zwar gut ausgebaut, allerdings ist eben Platzmangel hier in jeder Hinsicht ein Problem. Ich wiederhole noch einmal: 22 Millionen Menschen leben hier auf der Fläche Baden-Württembergs, wobei mehr als 1/3 der Fläche absolut nicht bebaubar ist, auf Grund der Gebirgsformation. Mit einem gut ausgebauten Schienennetz ist also gemeint, dass alle Orte angebunden sind. Für X-Schienenstränge in jede Direktion ist dann aber doch kein Platz. Zu einem weiteren Grund komme ich gleich noch.

Ich hatte ja bereits erwähnt, dass die Fahrt entlang der Seeroute auch ihr gutes hat. So stand ich also am 22. Januar früh um 4 auf, um meinen Zug nicht zu verpassen. An dieser Stelle ein großes „Entschuldigung!“, denn wie das so ist, wenn man noch im Halbschlaf aus der Wohnung stolpert: ich habe die Kamera vergessen, und kann ich diesmal darum keine Bilder zeigen 🙁 Ich bin aber sicher, dass sich eines Tages noch einmal die Möglichkeit eines Besuchs in Taitung ergeben wird, wo ich den selben Fehler nicht noch einmal machen werde!

Zurück zum Thema: Als ich dann 10Uhr auf halber Strecke im Zug erwachte, war ich bereits im tiefen Süden Taiwans. Die Sonne schien durchs Fenster herein, und es erbot sich mir ein Anblick, wie es ihn in Taichung nicht so gibt: viel, viel mehr Palmen, insgesamt eine andere, noch grünere Vegetation, interessante moderne sowie traditionelle Bauten, aber auch erschreckende, mitunter heruntergekommene Ecken, wie man sie sich in Deutschland wohl alles andere als normal vorstellen könnte.
Der Zug fuhr immer und immer weiter, bis wir die Ostküste erreichten, wo mir auch gleich bewusst wurde, warum immer gesagt wird, dass es auf Taiwan keine schönere Gegend gibt: Zu meiner Rechten lag in seiner unendlichen Weite, der pazifische Ozean, während sich zu meiner linken mindestens 2000 und 3000 Meter hohe Berge auftürmten, Berge wie man sie aus Filmen und Dokumentationen über Asien kennt: über und über grüne Wände, auf jedem Zentimeter mit den verschiedensten Pflanzen bewachsen, deren Gipfel oben rund zulaufen.
Diese beiden krassen Gegensätze waren allerdings nicht irgendwo am Horizont auszumachen, nein sie verliefen direkt außerhalb des Fenster, mal etwas näher dran, mal etwas weiter weg. Und dazwischen schlängelte sich wie ein kleiner Drache, der Zug in dem ich mich befand.

So macht Zugfahren doch richtig Spaß!

Die eben beschriebene Szenerie ist die Besonderheit Taitungs, denn sie ist allgegenwärtig, und auch dafür verantwortlich, dass trotz das Stadt und Landkreis Taitung fast 1/6 Taiwans einnehmen, hier insgesamt nicht einmal so viele Menschen wie in … Taichung leben. Eben weil ein Großteil der Fläche vom Gebirge beansprucht wird, und damit nur der schmale Streif zwischen Bergen und Wasser bewohnbar ist. Auf diesem reihen sich dann kleine Häuser, breite Straßen und große mit Reisfeldern bedeckte Flächen aneinander, denn für seinen Reis ist diese Gegend berühmt (ich habe verkostet und kann nur zustimmen! 😉 )

Den letzten Abend des „alten Jahres“ habe ich gemeinsam mit der taiwanischen Familie, die mich eingeladen hatte, verbracht. Es wurde traditionelles Essen gegessen und sich viel und lange unterhalten. Danach ging es noch einmal an den Strand den zahllosen Feuerwerken, zusehen, und ich habe selbst eine Himmelslaterne “ die in Deutschland ja leider verboten sind “ angezündet, die (denn ich bin ja Optimist!) sicher immer noch über dem Pazifik herumfliegt und mit seinen von mir mitgegebenen guten Wünschen dafür sorgt, dass ihr alle ein glückliches neues Jahr des Drachen haben werdet! 🙂

Meinen letzten Tag an der Ostküste verbrachte ich mit einem Ausflug entlang der Küste Richtung Hualien. Jede Himmelsrichtung hat in Taiwan einen unterschiedlichen Strand. Hier in Taitung herrscht ein mit Steinen übersäter Strand mit schwarzem Sand vor. An den großen Badestränden, wo es auf Grund des guten Wetters von Leuten nur wimmelte, ist natürlich dafür gesorgt, dass es mehr Sand als Steine gibt.
Zum Abschluss besuchte ich noch ein nachgebautes Dorf der Amis, der größten Gruppe von Ureinwohnern hier auf Taiwan. Das Dorf wird natürlich von echten Amis betrieben, allerdings hatte ich zunächst das Gefühl, dass ich für sie eine ebenso große Attraktion gewesen bin. 😉 Im Anschluss konnte ich ihnen noch beim Singen traditioneller Lieder und spielen der traditionellen Instrumente zuhören, was eine ziemlich beeindruckende Angelegenheit war.

Es gibt bestimmt noch eine Menge, dass ich erzählen könnte, allerdings werde ich es hierbei belassen. Der Artikel ist doch schon ziemlich lang, und ohne Bilder bestimmt auch etwas trocken, darum schließe ich damit: heute ist der 25. Januar, ich sitze gerade im Zug gen Taichung, und freue mich schon auf meinen nächsten Besuch in Taiwans Ostküste – dann aber bestimmt mit Kamera, und vielleicht mal in Hualien, oder Pingtung! 🙂

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