Studium in China

Vor zwei Wochen erhielt ich von einer Kommilitonin aus Passau eine Mail mit Fragen zum Studium in China. Freundlicherweise hat sie mir erlaubt, ihre Nachricht hier zu veröffentlichen und ich hoffe, ihr und allen, denen ähnliche Gedanken im Kopf herumschwirren, damit ein Stück weiterhelfen zu können.

UPDATE 03.11.2014: Ich erhielt noch weitere Anfragen, die sich allerdings vorranging um das Studium in Chengdu und an der SWUFE drehen. Der Vollständigkeit halber hänge ich sie aber auch mal hier mit an.

UPDATE 27.12.2014: Nach weiteren Anfragen und auf Grund einiger neuer Entwicklungen habe ich den Teil zu den LA und zur Wohnsituation noch einmal etwas angepasst. Außerdem hatte ich vor Kurzem ja noch ein paar Fotos vom Campus gemacht, die ich hier nun auch noch verlinkt habe.

1) Wieso genau wolltest du für ein Jahr nach China? Hast du dann 2 Urlaubssemester beantragt und beendest dein Studium dann hier in Deutschland weiterhin im 6. Fachsemester?

Zum Wintersemester 2012 begann ich mein Studium in Passau und ehe ich mich versah, bin ich nun bereits im fünften Hochschulsemster und sehe das Ende des Bachelors erschreckend schnell heraneilen. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mich gegenwärtig noch nicht für das Berufsleben vorbereit sehe. Darum wollte ich im Ausland nicht nur studieren, sondern auch Arbeitserfahrung sammeln (jeweils ein Semester). Natürlich könnte ich auch in Deutschland ein Praktikum absolvieren, allerdings erhoffe ich mir so eine weitere Verbesserung meiner Sprachkenntnisse. Zudem empfinde ich es ab einem gewissen Sprachniveau schwierig, innerhalb von nur kurzer Zeit Fortschritte zu erzielen. Es wäre daher einfach schade, wenn ich nun, da ich einmal hier bin, nach 6 Monaten schon wieder Heim fahren würde.

An der Universität Passau lassen sich mehrere Urlaubssemster nicht gemeinsam beantragen. Die Anträge müssen separat vor jedem Semester gestellt werden. Allerdings ist das natürlich nur eine Formalie und die Grundidee entspricht dem, was ich vorhabe. Nach meiner Rückkehr nach Passau zum Wintersemester 2015/16 werde ich demnach im 7. Hochschulsemester und im 5. Fachsemester sein. Das hat den Vorteil, dass ich mein Studium garantiert in Regelstudienzeit und vielleicht sogar schon im 5. Semester beenden kann.
Das Urlaubssemester stellt damit eine Sicherheit dar, falls sich keine oder nur wenige Veranstaltungen aus dem Ausland anrechnen lassen oder die dort erzielten Noten eher mäßig sind. Ich empfehle die Beantragung daher in jedem Fall, da sie unkompliziert und kostenlos ist und man nur etwas gewinnen kann.
(Eine Ausnahme ist natürlich, wenn ihr direkt zum Ende des Semesters an eure Heimatinstitution zurückkehren und dort Prüfungen schreiben wollt. Das geht im Rahmen eines Urlaubssemesters nämlich nicht!)

2) Du belegst ja Wirtschaftskurse auf Englisch, aber weißt du ob es auch möglich ist, normale chinesische Kurse von der Uni zu belegen?

Das entsprechende Niveau vorausgesetzt, sollte die Teilnahme an chinesischen Kursen an den meisten Unis hier möglich sein. Wenn es dabei vorrangig um eine Verbesserung des eigenen Sprachlevels geht, sehe ich keine Schwierigkeiten. Kritischer wird es allerdings wenn man sich die belegten Veranstaltungen in Deutschland anrechnen lassen möchte. Deutsche Unis verlangen dafür in der Regel einen detailierten Kursplan und eine Übersicht der verwendeten Literatur. Diese Angaben sollten entweder auf Deutsch oder auf Englisch sein. Möchte man nun chinesische Kurse belegen, wird es vermutlich an einem selbst hängen bleiben, besagte Pläne zu übersetzen. Ob der Lehrstuhl dies dann allerdings auch anerkennt, ist eine andere Geschichte.
Es gibt allerdings auch noch ein weiteres Problem: Im vergangenen Jahr hatte ich zunächst über eine Bewerbung an der BFSU, der Fremdsprachenuniversität in Peking, nachgedacht. Dort hatte man mir eine Teilnahme an chinesischen Kursen und Prüfungen fest zugesichert. Hier, an der SWUFE, hingegen wurde mir die Teilnahme lediglich an den Kursen, nicht jedoch den Prüfungen gestattet. Die genauen Gründe dafür sind mir leider nicht bekannt.

Ich möchte zudem noch darauf hinweisen, dass der Unterricht an chinesischen Unis etwas anders abläuft und man sich daher zunächst ausprobieren sollte, bevor man sich womöglich übernimmt. Die Kurse sind stark verschult, es herrscht in der Regel Anwesenheitspflicht und es gibt mitunter Hausaufgaben, Referate, Präsentationen, Hausarbeiten, Zwischenprüfungen und Semesterprüfungen. Teilweise kommt damit pro Woche so einiges zusammen und ich musste feststellen, dass ich in den vier Jahren, die seit dem Abitur vergangen sind, leider noch immer keine Affinität für Hausaufgaben entwickelt habe.

3) Ich habe gelesen, dass du in eine WG gezogen bist – ist das besser, als auf dem Campus zu wohnen? Weil da ist es ja vermutlich günstiger?

Diese Entscheidung lag zunächst einmal überhaupt nicht bei mir. Alle Wohnheimplätze waren angeblich voll, weshalb Wohnen auf dem Campus von vornherein nicht zur Debatte stand. Die Preise auf dem Campus sind mit Sicherheit günstiger, als wenn man sich privat etwas mietet. Allerdings will ich mich über meine 62,5€, die ich monatlich zahle (wir wohnen in einer 3er WG mit ~100m² und zahlen insgesamt 175€ im Monat zzgl. Strom, Wasser und Gas, was aber vernachlässigbar ist), auch nicht beschweren.
In einer Stadt wie Shanghai sieht das mit Sicherheit schon wieder anders aus und ich vermute, das ich selbst in Chengdu eine höhere Miete zahlen müsste (unser Campus liegt in Wenjiang (溫江), einem Vorort 30km östlich von Chengdu). Mehr Infos zum Thema Wohnungssuche und Miete findet ihr auch unter Punkt 6).

4) Musst du Studiengebühren zahlen?

Nein, ich zahle dank der Partnerschaft zwischen der Universität Passau und der SWUFE keine Studiengebühren. Dies war auch einer der Hauptgründe für meine Bewerbung.
Falls eure Universität keine Partnerschaft mit chinesischen Institutionen hat oder eure Wunschuni nicht dabei ist, könnt ihr natürlich auch als Freemover nach China zum Studium gehen. Allerdings variieren die Studiengebühren in China je nach Fach und Universität. Wer kein Stipendium und / oder Auslandsbafög erhält, muss dabei im schlimmsten Fall mit bis zu mehreren tausend Euro pro Semester rechnen.


Konkrete Fragen zur Southwestern University of Finance and Economics (SWUFE) bzw. für Passauer Studenten.

5) Wie sieht es mit der Anrechenbarkeit von Veranstaltungen aus?

Die Anrechenbarkeit von Veranstaltungen ist zunächst einmal Sache der Lehrstühle und hat daher nicht direkt mit der Zielinstitution, sondern nur mit den entsprechenden Lehrinhalten zu tun. Weil ich allerdings jetzt schon mehrfach gefragt worden bin: natürlich müsst ihr in den Kursen, die ihr im Ausland belegt, auch entsprechende Leistungsnachweise erbringen. Wie die konkret aussehen, ist aber wie in Passau auch Sache des Dozenten.
Zur Beantragung der LAs: Das Lehrangebot der SWUFE variiert jedes Jahr und es gibt leider auch keinen offiziellen Modulkatalog oder ähnliches, in dem ihr alle Kursbeschreibungen finden könnt. Deshalb kann ich auch keine zuverlässige Aussage zu den angebotenen Kursen machen oder Tipps geben, für welche Veranstaltungen ihr mit Sicherheit ein LA bekommen werdet.
Vor dem Auslandsaufenthalt standen auch mir noch keine entsprechenden Informationen zu den Kursen zur Verfügung, daher habe ich alle LAs von China aus beantragen müssen.
(Soll heißen: jeder Lehrstuhl wollte von mir entsprechende Kursbeschreibungen etc. sehen. Was genau gefordert ist, findet ihr auf den Websiten der Lehrstühle, doch hier Achtung: die genauen Anforderungen unterscheiden sich teilweise voneinander! Auf Nachfrage kann euch Frau Zhou Ruiyan vom International Affairs Office einige Kurspläne zur Verfügung stellen. Falls eure Wunsch-Veranstaltungen nicht dabei sind, müsst ihr nach Beginn des Semesters wohl oder übel zu jedem einzelnen Dozenten gehen und nachfragen. Um euch aber etwas Zeit sparen zu können, stelle ich euch hier auch noch alle 15 Kursbeschreibungen, die ich besitze, zur Verfügung [natürliche ohne Gerantie auf Aktualität]: Kursbeschreibungen)
Die Beantragung aus dem Ausland ist unter diesen Umständen natürlich kein Problem, allerdings empfehle ich dennoch jedem, die Lehrstühle sicherheitshalber vorab per Mail zu informieren, dann hat man notfalls immer etwas, auf das man sich berufen kann.
Letztlich habe ich LAs für die Veranstaltungen Marketing, Corporarte Finance, Strategisches Management, Personal und Organisation erhalten. Bevor sich jetzt aber andere in ihren Anträgen auf mich beziehen (á la „Ja, aber er hat doch auch eins bekommen“), muss ich dazu sagen, dass mir einige Lehrstühle lediglich auf Grund der freundlichen Unterstützung von Herrn Schumann und dem Fakt, dass es sich um eine neue Partnerschaft handelt, entgegengekommen sind. Andernfalls hätte ich vermutlich nicht so viele LAs erhalten können. Darüberhinaus habe ich interessehalber noch Energy Economics belegt. Als Kuwi kann ich dafür allerdings kein LA bekommen. Die BWLer müssten es jedoch in einem ihrer Schwerpunkte unterbringen können (allerdings empfehle ich diese Veranstaltung im Nachhinein nur sehr Ökonometrie-versierten und VWL-bewanderten Menschen!!! 😀 )
Im Folgenden findet ihr aber zumindest die Kursangebote aus den Wintersemestern 2013/14 und 14/15, damit ihr eine grobe Orientierung für eure Planung habt. (Kursliste SWUFE WS 2013/14, Kursliste SWUFE WS 2014/15)

Wie der Name schon vermuten lässt, bietet die SWUFE fast ausschließlich Wirtschaftsveranstaltungen an. Chinesisch Kurse gibt es auch, allerdings sind diese mit lediglich 1-2 Wochenstunden nicht mehr als absolute Grundlagenveranstaltungen.
Wer Interesse an einem „richtigen“ Sprachkurs hat, aber dennoch an der SWUFE studieren will, dem empfehle ich, dies im Vorfeld zu bedenken, da sich dadurch einige Veränderungen ergeben. Dazu aber mehr in Punkt 7).
Da die Partnerschaft noch relativ neu ist, kann und wird sich in Zukunft sicher noch einiges am für Austauschstudenten zugänglichen Angebot der SWUFE verändern. Wir, die aktuelle Riege Passauer Austauschstudenten, stehen dazu in engem Kontakt mit den Verantwortlichen, sowohl in Passau, als auch hier vor Ort.

6) Auf welchem Campus finden die meisten englischsprachigen Veranstaltungen statt? Welche Gegend empfiehlst du für die Wohnungssuche?

Wer an der SWUFE vornehmlich Wirtschaftsveranstaltungen besuchen will, dem empfehle ich, sich eine Wohnung nahe dem Liulin Campus in Wenjiang zu suchen, da diese ausschließlich dort stattfinden. Generell werdet ihr als reguläre Austauschstudenten an der SWUFE lediglich auf diesem Campus zu tun haben (abgesehen von diversen, einmaligen Veranstaltungen eventuell).
Zur Wohnungssuche in Wenjiang kann ich euch leider auch wieder keine generellen Tipps geben, da diese deutlich anders ablief, als uns gegenüber zunächst angekündigt worden war. Es wurde schlicht und einfach gefragt, in was für WG-Typen (wie viele Leute) man wohnen möchte und dann gingen die entsprechenden Besichtigungen los. Unsere zuvor für bestimmte Wohnungen angegebenen Präferenzen wurden in keinster Weise berücksichtigt. Die Liste, die man uns dafür hatte zukommen lassen, will ich euch dennoch nicht vorenthalten: 2014 Autumn ISA Apartment Information.
Ich selbst wohne wie bereits erwähnt in einer 3er WG in der Nähe des Westtores des Campus. Die Gegend ist recht ruhig, es gibt ausreichend Restaurants und Supermärkte und man findet eigentlich alles, was man braucht, in der direkten Umgebung. Von allen internationalen Studenten wohnen vermutlich die meisten in dieser Gegend.
Die vermutlich schönsten (sehr groß, gut ausgestattet) WGs habe ich in der Nähe des Südtores gesehen. Allerdings hat diese Gegend zwei ein Mankos: es gibt fast keine Geschäfte und Restaurants und für so ziemlich jede Besorgung muss man erst woanders hin. In Deutschland wären die Distanzen, über die wir hier reden, überhaupt kein Thema. Allerdings wird man doch recht schnell bequem. Das vermutlich größere Problem ist die neue Metro-Linie, die direkt zwischen Uni und allen Häusern südlich des Campus gebaut wird und auf Grund der das Südtor noch bis mindestens 2016 gesperrt sein wird und man nur über einen Umweg in die Uni gelangt. Die Metro wird zwar noch bis voraussichtlich 2016 gebaut, allerdings wurde vor wenigen Tagen für uns etwas überraschend ein kleiner Übergang direkt vor dem Südtor fertiggestellt, das darum jetzt auch wieder geöffnet ist!
Das Osttor ist die mit Abstand belebteste Ecke. Hier gibt es tausende Restaurants und viele andere Shops. Hier zu leben ist sehr bequem, aber auch sehr laut. Wen das nicht stört, der ist hier richtig, allen anderen empfehle ich dann doch eher eine der beiden anderen Gegenden.

Liulin Campus
Liulin Campus. Das Südtor ist das große Tor unten zwischen den Schriftzeichen 海 und 科.
Guanghua Campus
Guanghua Campus

7) Wie ist das jetzt nun mit den Chinesischkursen an der SWUFE?

Die Chinesisch Kurse, die während meinem Aufenthalt hier angeboten wurden, richten sich in erster Linie an Studenten ohne oder mit nur sehr geringen Vorkenntnissen. Wer aber an der SWUFE hauptsächlich Chinesisch lernen will, dem würde ich empfehlen, über einen Aufenthalt als freemover nachzudenken.
Die SWUFE bietet natürlich auch reine Chinesischkurse an. Allerdings finden diese auf dem Guanghua Campus in Chengdu, also 30km von Wenjiang entfernt, statt und sie müssen vollständig vergütet werden. Die Kostenbefreiung in Folge der Universitätspartnerschaft gilt in diesem Falle NICHT (oder zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht), womit sich eine Bewerbung auf den Partnerplatz erübrigen würde.
Wer also gern beides machen und sowohl Wirtschafts-, als auch die „richtigen“ Chinesischkurse belegen möchte, muss sich auf zusätzliche Belastungen einstellen. Die eine ist finanzieller Natur, die andere besteht in dem zeitlichen Aufwand. Der Chinesischunterricht im Guanghua Campus geht von 7 bis 12 Uhr und für jede Wegstrecke muss von Wenjiang aus je nach Verkehrslage zwischen ein und zwei Stunden eingeplant werden.

8) Die angekündigten Bilder…

…findet ihr am Ende von folgendem Beitrag! (Ich habe mal wieder etwas umgebaut, die Bilder sind daher aktuell nicht einsehbar)

Ein paar abschließende Worte: Auf die Art und Weise des Unterrichts war ich nicht sehr gut vorbereitet und nach zwei Jahren an einer deutschen Uni fällt es mir sichtlich schwer, sich (wieder) mit einem Alltag anzufreunden, der dem der gymnasialen Oberstufe in Deutschland gleicht. Was die Kontaktmöglichkeiten mit chinesischen Studenten angeht, habe ich ebenfalls eine zwiespältige Meinung: Nach meinem Aufenthalt in Taiwan war ich davon ausgegangen, leichter Anschluss zu finden. Im Unterschied zu damals bin ich heute allerdings nicht vollständig auf mich allein gestellt, sondern ich bin auch Teil einer rund 45-köpfigen Gruppe ausländischer Studenten, die gerade hier ihr Auslandssemester erleben. Möchte man mehr mit lokalen Chinesen gemeinsam etwas unternehmen, bedeutet das fast immer, sich von der Gruppe zu entfernen beziehungsweise entfernen zu müssen – was ich allerdings auch nicht möchte. Ich schätze, man muss irgendwie die richtige Balance für sich finden. Mir persönlich ist das bisher leider noch nicht ganz gelungen, aber ich arbeite daran!

Ps.: Nein, ich bekomme nichts für das hier. Wenn es euch aber etwas genützt hat, dann würde ich mich freuen, wenn ihr eure Erfahrungen ebenso weitergeben würdet, wenn es dann einmal soweit ist! 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.