In den Siguniang Bergen 3

Tag 3. Haizigou:
Heute machen wir nicht den selben Fehler und stehen erst kurz vor 8 Uhr auf. Meine beiden Mädels sind immer noch grummelig und haben Fußschmerzen von der (durch mich verschuldeten) Lauftortur am Vortag. Dabei steht mit dem „Tal der Seen“ noch der Höhepunkt unseres Ausflugs aus. Es ist nicht nur lauftechnisch das anspruchsvollste der drei Täler, es ist auch das am höchsten gelegene. Wir gehen es trotzdem erst einmal entspannt an, denn allein zum Eingang geht es eine 250m lange Treppen nach oben.

Treppe_HaizigouEndlich angekommen, erkundige ich mich bei den Angestellten, wie weit wir zu Fuß wohl kommen würden. Die Antwort frustriert und enttäuscht mich über alle Maßen: Auf meiner ohnehin sehr kleinen Karte zeigt man mir einen Punkt, der keine zwei Zentimeter von unserer aktuellen Position entfernt ist. Leicht entrüstet verweise ich auf unsere Laufleistung vom Vortag und meine Begierde, es mindestens zum ersten der Seen und zurück zu schaffen (auf der Karte rund 5,5cm entfernt). Erneut rät man mir davon ab und verweist darauf, allerspätestens 14 Uhr umzukehren, egal wo ich bin. Meine Mitbewohnerinnen sehen eher mäßig begeistert aus. Außerdem wollen sie heute endlich reiten. Ich denke wieder an meinen Hintern und außerdem sagt eine Stimme in meinem Kopf, dass ich zu Fuß mindestens genauso schnell bin, wenn nicht sogar schneller. Kurzerhand teilen wir den Proviant und das Wasser (3 Liter für mich, anderthalb Liter für die Mädels 😉 ) auf und trennen uns. Während die beiden noch auf ihre Pferde + Führer warten, keuche ich schon den ersten Hang hoch. Denn Haizigou ist zwar ein Bergtal, es beginnt allerdings auch auf dem Rücken eines Berges, der zu Füßen der Schwesternberge liegt.

Die nächsten 3 Stunden laufe ich mich in einen Rausch. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Pause“ ist mir fremd. Es gibt höchstens „Foto-Pausen“. Unterwegs unterhalte ich mich mit den Leuten, an denen ich vorbeikommen – zumindest bis ich sie überhole. In einem Fall ist das ein chinesisches Pärchen aus Qingdao, das neben mir herreitet, meist sind es aber tibetische Pferdeführer, die über mein Tempo und meine Ausdauer erfreut und überrascht sind (das trifft auf mich persönlich allerdings genauso zu). Irgendwann komme ich an einen Punkt, ab dem es sehr still wird, also noch stiller als zuvor. Der Weg hatte sich geteilt und der Großteil der vorwiegend reitenden Touristen hatte sich auf den Weg zu einem der Gipfel gemacht, wo sie auch die Nacht verbringen wollten. Unter der Weite des Himmels vor mir gibt es darum neben zwei Reitern, ihrem Führer, Bergen und Yaks nur noch mich.Haizigou (1)Haizigou (2)Haizigou (3)Haizigou (4)Haizigou (5)Haizigou (6)Haizigou (7)Haizigou (8)Haizigou (9)Haizigou (10)Ich verstehe jetzt auch besser, was mit dem höheren Anspruch der Route gemeint ist. Zwischenzeitlich ergießen sich ganze Bäche über den Weg und die Fortbewegung in den von Pferden, Yaks und Kühen treppenartig ausgetretenen Wegen erweist sich als gewöhnungsbedürftig und nicht immer ganz einfach.

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Trampelpfad_Haizigou

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Gegen 13.20 Uhr taucht dann plötzlich mein Ziel vor Augen auf und unterbricht mich in meinem Trott: der „große See“.
Zunächst überlege ich, weiter zu gehen. Letztlich entschließe ich mich aber lieber dazu, eine lange Pause zu machen, die Wolken an mir vorbeiziehen und die Landschaft auf mich wirken zu lassen.Haizigou (11)Haizigou (12)Nach rund 40 Minuten beginnt das Wetter umzuschlagen. Die Sonne verschwindet hinter dicken grauen Wolken und die Pferdeführer trommeln ihre Gäste zusammen – es werde wohl Regen geben und man solle sich besser auf den Rückweg machen (tatsächlich hagelt es kurz, aber ansonsten haben wir Glück).haizigou_rueckweg (1)haizigou_rueckweg (2)haizigou_rueckweg (3)haizigou_rueckweg (4)haizigou_rueckweg (5)haizigou_rueckweg (6)haizigou_rueckweg (7)Da ich die Entfernung nun besser einschätzen kann und Gefälle statt Steigung vor mir liegt, schließe ich mich einem kleinen Trupp aus drei Pferden und zwei Führern an. Ich habe ja Zeit. Beide Seiten begegnen sich mit großer Neugierde und es ergeben sich viele spannende Gespräche. Dabei bemerke ich bei den Tibetern, wie auch schon bei den Mongolen, eine sehr melancholische Stimmung. Mir wird von den „Han-isierung“ erzählt und eine Frau sagt, dass es ja immerhin etwas sei, wenn die Kinder und Enkel überhaupt noch Tibetisch sprechen könnten. Dass sie nicht mehr Lesen und Schreiben können, damit habe sie sich schon längst abgefunden. Gleichzeitig offenbart sich mir aber auch das Paradoxon (chinesischer) Minderheiten, oder eigentlich aller Menschen heute: Ich sage, dass ich sie (die Tibeter) darum beneide, dass sie täglich diese Landschaft, die frische Luft und die Natur genießen können. In Deutschland mögen diese drei Dingen selbst für Stadtbewohner nicht allzu schwer zugänglich sein – wer jedoch eine Zeit lang in Chinas Großstädten verbracht hat, lernt sie definitiv neu wertschätzen. Als Antwort bekomme ich zu hören, dass die Natur und alles ja schön und gut seien, dass man sich davon aber nichts kaufen könne und dass sie, wenn man sie täglich sieht, irgendwann auch ihren Reiz verliert. Das alles kennen wir bereits aus dem banalen, aber wahren Spruch: Wir wollen stets das, was wir nicht haben und den Wert von dem, das wir bereits haben, erkennen wir erst dann, wenn wir es verloren haben.

Kurz vor Ende der Tour gibt es dann noch den krönenden Abschluss: Plötzlich taucht ein Schatten über mir auf, geschätzt breiter als meine Armspannweite – ein Adler! Er dreht zwei, drei große Runden und verschwindet dann wieder. Ein wirklich unglaubliches Erlebnis, dessen Gefühl sich nur schwerlich beschreiben lässt.haizigou_adler (1)haizigou_adler (2)

Tag 4. Heimreise:
Am Vortag hatte uns der Besitzer der Jugendherberge mitgeteilt, dass es keine Bustickets mehr gebe und er uns darum eine private Mitfahrt organisiert habe. Also essen wir ein letztes Frühstück bevor der Fahrer kommt und es auf die Heimreise geht. Ich stelle mich mental schon einmal auf eine entspannte Fahrt und ein langes Schläfchen ein. Mit jeder Serpentine mehr wird mir allerdings klar, dass daraus nichts werden wird. Unserem Fahrer gebe ich in Gedanken den Beinamen „Osmiumfuß Johnny, der Technojünger“ (die übliche Bezeichnung Bleifuß wäre dem Sachverhalt hier einfach nicht gerecht geworden. Osmium eignet sich insofern besser, als dass es eine doppelt so hohe Dichte wie Blei hat und damit offiziell das schwerste bekannte Element ist.) So etwas habe ich wirklich noch nicht erlebt. Wir fahren im Schnitt zwischen 70 und 100km/h. Die circa alle 100m vorhandenen Haarnadelkurven stellen zwar einen guten Grund, aus Sicht unseres Fahrers aber noch lange kein Gebot zum Bremsen dar. Darüber hinaus scheint es Unklarheiten zum Prinzip der unterschiedlichen Fahrbahnen zu geben. Meist fahren wir auf der Gegenspur, da lässt es sich schließlich bequemer überholen, insbesondere in uneinsehbaren Kurven. Der obskurste Musikmix, den man sich vorstellen kann, schallt dazu durch das Auto und auf Grund der Lautstärke vermutlich auch durch die umliegenden Berge. Mal kommt chinesische Volksmusik, dann alter Techno, der ständig von einem DJ mit komischer Stimme kommentiert wird und das i-Tüpfelchen ist „geremixte“ tibetische Musik. Nach einer knapp dreiviertelstündigen Fahrt liegt die letzte Kurve auf dem Weg nach oben endlich hinter uns und unser „Leiden“ wird sofort mit einem fantastischen Ausblick belohnt.P1200428P1200434P1200442P1200458P1200480
Wir sind natürlich nicht die Ersten, die von dieser Szenerie wie gebannt sind. Viele Verfilmungen des Klassikers „Die Reise nach Westen“ wurden unter anderem hier gedreht.
Wenn es hoch geht, muss es meist leider irgendwann auch wieder runter gehen. In diesem Fall ist die Abfahrt – entgegen aller Vorstellungen – sogar noch schlimmer als der Aufstieg. Denn jetzt kommt zu den Serpentinen und den äußerst abenteuerlichen Fahrkünsten unseres Fahrers noch eine weitere Schwierigkeit hinzu: die Wolken. Über eine halbe Stunde fahren wir mitten durch sie hindurch – mit dem gleichen Fahrstil wie zuvor. Das uns nichts passiert, ist ein kleines Wunder.Durch die Wolken.

Wars das endlich? Natürlich nicht! Verglichen mit den Pisten, auf denen wir uns jetzt bewegen, gleicht der Hinweg mit dem Bus der Fahrt auf einer frisch planierten Straße. Doch nicht nur die Straßen, auch die Tunnel, die wir passieren, sowie die Umgebung insgesamt machen einen äußerst zerschundenen Eindruck. Decken, die herunterkommen, fehlende Beleuchtungen, Trümmer ehemaliger Brücken und Gebäude, überall große Haufen aus Stein, Kies und Sand. Wie von der Tarantel gestochen, rasen wir durch diese unwirkliche Landschaft, die aussieht, als hätte sich die Natur ihr Eigentum mit Gewalt zurückgeholt. Plötzlich tippt mich meine chinesische Mitbewohnerin an und flüstert mir ins Ohr: „Wir sind jetzt fast am Epizentrum des großen Bebens von damals“. Mir stockt der Atem. Die Zahlen und Fakten des Vorfalls sind mir bekannt: mehr als 70.000 Menschen starben, 18.000 werden vermisst und mindestens 5 Millionen obdachlos. Allerdings ist es noch einmal etwas anderes, die Auswirkungen mit eigenen Augen zu sehen – und das, obwohl das Beben bereits über 7 Jahren zurückliegt.DSC_0705DSC_0703

Irgendwann ist es dann aber doch geschafft. Wir haben wieder feste Straße unter den Rädern und dann dauert es auch nicht mehr lang bis Chengdu. Ich hatte auf jeden Fall ein tolles verlängertes Wochenende, mit vielen beeindruckenden Landschaften, schönem Wetter und ich kann jedem nur empfehlen, selbst einmal herzukommen, wenn man gerade in dieser Ecke der Welt unterwegs ist! 🙂

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