In den Siguniang Bergen 1

Nicht nur in Deutschland gab es in den letzten Tagen ein verlängertes Wochenende. Zeitgleich zum Osterfest fand in China das traditionelle Totengedenkfest statt. Die Chance ließ ich mir natürlich nicht entgehen und unternahm kurzerhand mit zwei Mitbewohnern einen Ausflug nach Nordsichuan, zu den Tibetern und Qiang des Ngawa Bezirks in den Siguniang Bergen im Qionglai Gebirge.

Wer des Chinesischen nicht mächtig ist, wird vermutlich schon Schwierigkeiten haben, den Namen unseres Ausflugsortes richtig aussprechen zu können. Wörtlich übersetzt heißt er die „die vier Mädchen Berge“. Er geht zurück auf eine alte Geschichte, die (gekürzt) ungefähr folgendermaßen geht:
Im Dorfe Rilong hatten ein Mann und eine Frau einst vier wunderschöne Töchter. Eine war schöner als die andere, doch die Jüngste, war mit Abstand die Schönste von ihnen. Eines Tages hörte ein Dämon namens Maerduola von der Schönheit der vier Mädchen. Das Ungetüm lebte normalerweise tief in den Bergen in einer Höhle und war derart böse, dass es täglich das Blut eines Menschen trank. Als Maerduola nun ins Dorf hinabstieg, um die vier Mädchen zu seinen Konkubinen zu machen, stellte sich ihm deren Vater mutig entgegen. Der Dämon kämpfte jedoch unerbittlich und tötete ihn kurzerhand. Schockiert von dieser Tat suchte die Jüngste jeden Tempel in der Gegend auf und bat die dortigen Geister und Götter um Hilfe. Mit Hilfe ihres so erlangten Wissens und diversen Tricks gelang es den Mädchen, das Dorf für lange Zeit zu beschützen. Der Dämon blieb jedoch hartnäckig und so kam es letztlich zum finalen Kampf. Als eine Niederlage fast schon unausweichlich schien, begannen sich die drei älteren Schwestern in ihrer Verzweiflung in drei Berge zu verwandeln und Maerduola unter sich zu begraben. Doch die Macht des Dämons schien unermesslich und er drohte zu entkommen. Da setzte sich die Jüngste auf die Brust des Ungetüms und verwandelte sich in einen Berg, der die anderen drei noch weit überragte. Das Unterfangen glückte und die Mädchen retteten auf diese Weise ihr Dorf.
Außerdem sagt man, dass die vier meist ganzjährig mit schneebedeckten 5000m bis 6250m hohen Gipfel, den mit weißen Schals umschlungen Hälsen der jungen Frauen entsprechen (siehe Titelbilder der folgenden zwei Beiträge).

Was man von der Geschichte hält, bleibt natürlich einem jedem und seiner Fantasie selbst überlassen. Fakt ist jedoch, dass die gesamte Gegend ein landschaftliches Erlebnis ist und ihren Beinamen: die „orientalischen Alpen“ mehr als gerecht wird! Mit dem Ausflug war außerdem wieder ein neuer Höhenrekord für mich verbunden, denn selbst am Fuße der „Schwestern-Berge“ bewegt man sich stets mindestens 3000m-4000m über dem Meeresspiegel!

Doch nun eins nach dem anderen:

Tag 1. Ankunft. Shuangqiaogou:
Wir stehen um 5 Uhr auf, zwei Stunden später beginnt die Fahrt mit dem Reisebus. Weit davon entfernt ausgeschlafen zu sein, sinke ich unmittelbar nach dem Hinsetzen in den Tiefschlaf hinab.
8.20 Uhr: Ich werde unsanft geweckt. Der Bus rumpelt und wackelt wie verrückt. Wir fahren gerade mitten auf einer von Geröll gesäumten Huckelpiste entlang. Beim aus dem Fenster schauen, muss ich mich nach vorn beugen, denn wir sind ringsherum von hohen Bergen umgeben. Unmittelbar neben mir ziehen beeindruckende Felsformationen vorbei, links bahnt sich ein kleiner Fluss etwas unterhalb der Straße seinen Weg. Abgesehen von einigen, wenigen Jeeps und Rollern kommt uns nur schweres Gerät entgegen: LKWs, Tanklaster sowie Bagger und andere Baufahrzeuge. Es ist, als würden wir abwechselnd durch Kies-, Sandgruben und diverse Steinbrüche fahren. Eigentlich bin ich immer noch total müde, aber ich will auch nichts von dem verpassen, was es draußen zu sehen gibt. Meist ist die Straße breit genug für den Gegenverkehr und uns. Auf einmal wird es jedoch merklich stiller im Bus. Obwohl wir nur in Schritttempo fahren, schwankt der Bus unentwegt um bis zu 25° in beide Richtungen. Dabei bemerke ich, dass links neben unseren Rädern (ich sitze rechts) nicht mehr viel Platz sein kann. Dort sehe ich nur noch einen mal 10, mal 20 Meter tiefen Abhang, der im steinigen Flussbett mündet. Mit stoischer Ruhe und Routine meistert unser Fahrer letztlich die Passage.
Mein Sitznachbar schläft schnarchend, ich beobachte gespannt die Szenerie draußen, über uns lacht die Sonne – es ist perfekt und ich freue mich wie verrückt auf die kommenden Tage. Einzig die Tatsache, dass ich im Gang sitze und daher nicht wirklich Fotos schießen kann, versetzt mir einen kleinen Stich.

Nach rund 50 Minuten haben wir den schlimmsten Teil der Straße hinter uns. Der Weg führt nun zunehmend durch diverse Tunnel und am Wegesrand tauchen vereinzelt kleine Dörfer auf, die ich mit meinen Laienkenntnissen als tibetisch einschätze. Gleichzeitig fallen mir deutliche Unterschiede auf: Während in einigen Dörfern die Gebäude so alt aussehen wie die Zeit selbst, erscheinen sie andernorts wie frisch aus dem Ei gepellt.
9.45 Uhr: Die erste Pause. Ich stehe inmitten eines offensichtlich neu errichteten Tourismus-Zentrums. Zwischen den Gebäuden finden sich scheinbar willkürlich gelegen kleine Felder, neben uns plätschert der Fluss.siguniang_hinfahrt_pausesiguniang_hinfahrt_pause_2Vermutlich durch die Geräuschkulisse verstärkt, stellt sich bei mir ein gewisses Bedürfnis ein. Also lasse ich mich von der Menschenmasse treiben (denn wo, wenn nicht an den stillen Ort, soll sie denn sonst hinwollen?). Da ich natürlich nicht der einzige bin, der sich erleichtern will, muss ich zunächst anstehen. Als ich dann endlich an der Reihe bin, fängt der genüsslich hinter mir in seiner türlosen Kabine rauchende und mir beim Pinkeln zuschauende Chinese an, ein wahres Feuerwerk in sein Plumpsklo abzuknattern. Ich schaue ihn kurz über die Schulter blickend an, er grinst zurück. Es kommt fast ein wenig Neujahrsstimmung auf.
10 Minuten später sitze ich wieder im Bus. Mein Sitznachbar und ich haben die Plätze getauscht, weshalb ich die neben mir aus dem Felsen ragenden Schieferplatten nun aus nächster Nähe betrachten kann. Auf der anderen Seite des Busses weist uns der nun türkisblau und munter vor sich hinsprudelnde Strom weiter den Weg. In der Ferne zeichnen sich die ersten schneebedeckten Gipfel ab. Keine halbe Stunde darauf schlängeln wir uns bereits mitten durch sie hindurch. Ich frage mich, wenn die Landschaft hier bereits so beeindruckend ist, wie wird es dann erst bei den „4 Mädchen“ sein? Und warum haben wir eigentlich keine Skier dabei?!siguniang_hinfahrt_schnee

Irgendwann gegen Mittag sind wir dann ganz plötzlich und unvermittelt da. Wir steigen aus und bekommen sogleich die Auswirkung der Höhe zu spüren: Während Chengdu lediglich rund 520 Meter über Normalnull liegt, befinden wir uns nun auf über 3000m und folglich dreht es uns in den Köpfen. Meine Mitbewohner sind mehr, ich jedoch glücklicherweise weniger betroffen. Kurz darauf treffen wir den Besitzer unserer Unterkunft, einen Tibeter mittleren Alters mit Dauerlächeln.siguniang_hinfahrt_4Mit der Jugendherberge haben wir, trotz der sehr kurzfristigen Buchung, enormes Glück: Die Einrichtung sieht klasse aus und der Innenhof wird von einem Fischteich ausgefüllt. Die Lage bietet einen tollen Ausgangspunkt für Ausflüge und ist mit 50¥ pro Nacht auch erfreulich günstig [„dank“ der aktuellen Kursentwicklung umgerechnet „teure“ 7,7€ (vor wenigen Monaten wären es noch rund 6€ gewesen)].Unsere Unterkunft am Fuße der Schwesternberge.Fischteich im Innenhof gefällig?Wir checken ein, ziehen uns um, machen eine kurze Lagebesprechung und kurz darauf fährt uns der Vater des Besitzers auch schon zum Eingang unseres ersten Trips. (Kurze Anmerkung: In der Gegend gibt es folgende Optionen: Die naheliegendste ist natürlich die Besteigung der vier Schwesternberge. Auf den niedrigeren Drei soll es dabei sogar möglich sein, direkt bis zur Spitze zu wandern. Das ist natürlich insbesondere für Leute mit wenig bis keiner Klettererfahrung interessant. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, komme ich also bestimmt noch einmal wieder. 😉 Die Besteigung des höchsten Berges scheint relativ anspruchsvoll zu sein. Die Erstbesteigung fand 1998 statt, die schwierigste Route zum Gipfel wurde hingengegen erst 2008 gemeistert. Jemand sagte mir auch, dass sich viele Profibergsteiger auf der „jüngsten Schwester“ für Berge im Himalaya und sogar den Mt. Everst vorbereiten! Neben dem Bergsteigen gibt es aber noch die Möglichkeit in drei großen angrenzenden Bergtälern [Shuangqiaogou (雙橋溝), Changpinggou (長坪溝) und Haizigou (海子溝)] Wandern oder Zelten zu gehen. Da wir genau drei Tage hatten, entschieden wir uns dafür, jeden Tag eine andere Route zu erkunden.)

Shuangqiaogou, wörtlich das Doppel-Brücken-Tal, ist in mehrerer Hinsicht ein perfektes erstes Ausflugsziel. Obwohl es das längste Tal ist, kann man es am schnellsten Erkunden, da ein Shuttle-Bus die gesamte Strecke abfährt. Wir entscheiden uns daher, bis zum Endpunkt zu fahren und dann abwechselnd zurückzuwandern und mit dem Bus zurückzufahren. Die Landschaft ist atemberaubend, zwischendurch schneit es mal kurz und unsere Schädel drücken. Ein Hoch auf die asphaltierte Straße und den Bus, denn in dem Zustand will keiner von uns die gesamte Strecke wandern müssen. Neben den Bergen erfreuen wir uns an einer tibetischen Stupa und kristallklaren Bergseen, in denen sich die Umgebung spiegelt. Einzig die geisterhaft aussehenden Baumstämme, die aus dem Wasser ragen, stören die ansonsten perfekte Reflexion.shuangqiaogou (1)shuangqiaogou (2)shuangqiaogou (3)shuangqiaogou (4)shuangqiaogou (5)shuangqiaogou (6)

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Gegen 18.30 Uhr kommen wir wieder im Hostel an. Wir entdecken einen weiteren Pluspunkt: es gibt ein hauseigenes Restaurant! Während wir bestellen nimmt mich der Besitzer kurz zur Seite und fragt um einen Gefallen: Seine englischen Speisekarten sehen arg ramponiert aus, ob ich ihm nicht ein paar neue schreiben könne. Ich willige ein und zum Ausgleich kommt unser Abendbrot zusammen mit drei Flaschen Bier. Danach geht es ins Bett – für den nächsten Tag haben wir schließlich Großes vor!

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