Im Osten nix Neues… Oder doch?

Der chinesische Uni-Alltag hat mich zur Zeit fest im Griff: Hausaufgaben hier, Zwischenprüfung da und ja nicht die Seminararbeiten vergessen… Was aber dazwischen alles so passiert, lest ihr in meinem neuesten Beitrag. Viel Spaß! 🙂

Bachelor Begrüßung
Gestern Abend fand die Begrüßungs-Veranstaltung für unsere neuen Bachelor-Studenten statt. Warum dies mitten im Semester geschieht, ist mir etwas schleierhaft, vielleicht waren das auch schon die neuen Studenten für das nächste Semester?
Wie auch immer, im Vorfeld war ich gefragt worden, ob ich nicht vielleicht am Programm mitwirken wolle. Konkret hieß das dann: ich sollte mich – erst auf Deutsch, dann auf Chinesisch – kurz vorstellen und dann erzählen, was ich mir von meiner Zeit hier erhoffe. Dabei stand ich gemeinsam mit einer Vietnamesin (ich kenne nur ihren chinesischen Namen, darum nenne ich sie hier auch so: Pei Shi Mei) und einem Ugander (Henry) auf der Bühne, die im Gegensatz zu mir aber beide regulär hier studieren und nicht bloß ein Auslandssemester absolvieren.
Speziell Henry hat mich dabei sehr beeindruckt und mich motiviert. Nach lediglich einem Jahr Sprachkurs begann er direkt mit seinem Studium – auf Chinesisch. Das ist etwas, was ich bisher immer sehr skeptisch gesehen habe und worüber ich sehr unentschlossen war, also ob ich mir das zutraue oder nicht. Henrys Sprachniveau ist zudem sogar noch ein Stück unter meinem und trotzdem zieht er es durch. Das ist schon sehr beeindruckend!
Allerdings hat er mir verraten, dass er keine regulären Klausuren mitschreiben muss, sondern stattdessen immer Hausarbeiten aufbekommt, die dann je nach Fach in Chinesisch oder Englisch geschrieben werden müssen. Das ist natürlich gut zu wissen, denn die Prüfungen waren immer der Punkt, der mir am meisten Kopfschmerzen bereitet hat. Meiner Meinung nach ist es hinsichtlich der Schreibgeschwindigkeit (per Hand und Stift, nicht am Computer) für Ausländer fast unmöglich, ein Level mit Leuten zu erreichen, die hier aufgewachsen sind. Das hat nichts mit Pessimismus zu tun, sondern liegt einfach daran, dass „uns“ sechs Jahre Grundschule fehlen, in der die Zeichen wie verrückt rauf und runter gebetet und auswendig gelernt werden müssen.
Anspruchsvoll ist rein chinesischer Unterricht aber natürlich trotzdem und das sicher nicht zu knapp! Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Vokabeln nach den Vorlesungen noch individuell nachgeschlagen und aufgearbeitet werden müssen. Trotzdem empfinde ich diese Herausforderung als sehr reizend und wer weiß, wohin es mich für meinen Master verschlägt! 😉

Nun aber zurück zu der Veranstaltung: Nach unserem verhältnismäßig kurzen Auftritt, der wie immer bei so etwas mit donnerndem Applaus endete und zum Glück einen der zeitigen Programmpunkte darstellte, setzten wir uns in den Zuschauerraum, um uns den Rest der Vorführung anzusehen. Das Programm war überraschend lang (3 Stunden ohne Pause) und bestand vor allem aus Tanz- und Gesangs-, aber auch aus Comedy-Einlagen. Ich hatte mich schon gefragt, warum die Proben insgesamt über einen Monat lang liefen (und auch wenn wir sprichwörtlich nur wenig zu sagen hatten, musste ich zu zwei Proben, von denen die eine drei und die andere fünf Stunden dauerte! Diese Form des chinesischen Perfektionismus scheint bei öffentlichen Veranstaltungen jedoch normal zu sein, denn schon in der Vorbereitung für unsere Tanzauftritte als Misstagen erlebten wir ein ähnliches Prozedere). Insgesamt hat es mir aber ziemlich gut gefallen und insbesondere die dargebotenen Tänze machten einen sehr professionellen Eindruck auf mich. Angesichts der Tatsache, dass wir uns an einer Universität mit Finanz und VWL Schwerpunkt befinden, die keinerlei Kurse in den schönen Künsten anbietet, hätte ich damit sicher nicht gerechnet.

Einen Kritikpunkt habe ich aber trotzdem, obgleich sich über diesen sicher streiten lässt: An unserer Uni gibt es spezielle Kadettenklassen, in denen nur angehende Zeitsoldaten und Reservisten studieren. Dementsprechend gab es auch einige Vorführungen, in denen sie ihren Drill, Kampfübungen, etc. präsentierten. Das ganze wurde abgerundet von diversem Fahnengeschwenke, einer Militärhymne und einem Tanzstück, bei dem sich alle Akteure zum Klang von feuernden Maschinengewehren mehrfach und äußerst authentisch wie tot zu Boden fallen ließen, nur um danach wieder aufzustehen und weiter zu machen. Auf Nachfrage erklärte mir ein chinesischer Student, dass dies wohl die zahlreichen internen und externen Bedrohungen Chinas darstellen solle.
Ob so etwas wirklich in eine Begrüßungs-Veranstaltung für Erstsemester gehört (oder ob es generell notwendig ist), will ich hier einfach mal dahingestellt lassen.
Ebenfalls etwas erstaunt hat mich der recht große Anteil tibetischer Kultur im Programm, der gleich drei Tänze und ein längeres Chorstück umfasste. Das kann man in dem Sinne positiv werten, als dass der tibetischen Kultur eine Bühne gegeben wurde, sich zu präsentieren. Allerdings ist auch der Gedanke naheliegend, dass man sich hier (wie häufig in dieser Angelegenheit) lediglich mit fremden Federn schmücken und ein harmonisches Bild abgeben wollte. Denn neben uns ausländischen Studierenden, sollten sich auch einige Angehörige von Minderheiten vorstellen. Und diese kamen ausgerechnet aus den beiden innenpolitischen Krisenherden Chinas: Tibet und Xinjiang.

Aber genug erzählt. Jetzt gibt’s erst einmal ein paar Bilder! 😀
Ps.: Ich hatte meine Kamera dieses Mal nicht dabei, weshalb ich mit meinem Handy vorlieb nehmen musste – daher auch das etwas ungewohnte Bildformat!

Vietnam, Deutschland (oder eher Bayern?^^) und Xinjiang.
Vietnam, Deutschland (oder eher Bayern?^^) und Xinjiang.
Gemeinsam Gemeinsam mit Chinas militärischer Zukunft.mit Chinas Militärs der Zukunft
Gemeinsam mit Chinas militärischer Zukunft – dieses Mal bekam ich endlich ein offizielles Foto (verglichen mit dem Fiasko beim letzten Mal…)! Ich habe die beiden bei der Probe kennengelernt. In zivil waren sie sogar ganz lustig drauf. Mit der Uniform fiel es ihnen dann schon deutlich schwerer zu fallen, mal nicht stramm zu stehen. Einer der beiden wollte für das Bild zunächst sogar salutieren, hat es nach Einwänden des anderen dann aber doch lieber sein gelassen.
Warten auf den eigenen Auftritt im Backstage Bereich
Warten auf den eigenen Auftritt im Backstage Bereich (was aber von den Zuschauern kaum einer weiß: fast alle Songs waren Playback :D).
Die Präsentation aller Fakultäten
Die Präsentation aller Fakultäten.
Die Halle war voll! (1)
Die Halle war voll! Darum mussten wir recht weit hinten am Rand auf der Treppe Platz nehmen.

Die Halle war voll! (2)

Auftritt der Dozenten (allesamt als SuperMarios verkleidet - Respekt :D)!
Auftritt der Dozenten (allesamt als SuperMarios verkleidet – Respekt :D)!
Tibetischer Tanz
Tibetischer Tanz
Der Abschluss mit der Schulhymne.
Der Abschluss mit der Schulhymne. Allerdings weiß ich nicht, was es mit den Sonnenblumen auf sich hat. Die ließen mich nämlich an die jüngste Demokratie-Bewegung in Taiwan denken, die passenderweise „Sunflower-Movement“ heißt. Beabsichtigt war das aber sicher nicht. ;D

Erdbeben
Vorgestern Nachmittag ereignete sich im Kreis Kangding, der rund 200km weiter südwestlich in Sichuan gelegen ist, ein Erdbeben der Stärke 6,3. Wir saßen gerade im Wohnzimmer unserer Wohnung als alles zu wackeln begann. Da es verhältnismäßig lange anhielt, bereiteten wir uns zumindest seelisch auf das plötzliche Verlassen der Wohnung vor. Kurz darauf war es vorbei und mein Mitbewohner freute sich über sein erstes erlebtes Erdbeeben.
Leider können diese Freude nicht alle Menschen teilen. 54 wurden verletzt und 5 überlebten das Beben nicht.
Ich kann die Gefühle meines Mitbewohners nachvollziehen, schließlich ging es mir bei meinem ersten Beben 2011 in Taiwan auch nicht anders.
Nach meinem Besuch im taiwanischen Erdbebenmuseum und mit Kenntnis von dem verheerenden Beben, das sich 2008 in Sichuan, 75km nordwestlich von Chengdu, ereignete (~75.000 Tote, ~380.000 Verletzte und fast 6 Millionen obdachlos gewordene Menschen), sehe ich die Sache nun jedoch etwas anders. Ich würde es nicht Angst nennen, aber man spürt doch wie sich ein kleiner Knoten löst, wenn der Boden wieder still steht.

Wetter
Mir ist mittlerweile vollkommen klar, warum die Sichuanesen alle scharfe und betäubende Speisen lieben! Der Winter hier ist noch nicht einmal richtig da und trotzdem friere ich mir hier schon regelmäßig den Ar*** ab! Ich erwische mich schon dabei, wie ich zum Mittag meine Speisen nachwürze, um mein inneres Feuer gegen die widrige Witterung zu entfachen – und ich muss sagen, das klappt ziemlich gut!
Darüber hinaus habe ich vorhin ein neues Investment gewagt! Ganze 4,5€ musste ich dafür hinlegen! Tja, ich Fuchs, ich… war nämlich im Angebot! 😀
Nachdem ich die beiden Papieraufkleber, die direkt über und unter dem Heizaggregat angebracht waren, endlich abgepopelt hatte (ich hatte mir nicht getraut sie „kontrolliert abbrennen“ zu lassen, da der Hauptteil des Gerätes aus Plastik besteht ^^), konnte ich es endlich anschalten und seitdem brutzelt es neben mir fröhlich vor sich her! 🙂

Mein neuer toller Heizlüfter! :D
Mein neuer toller Heizlüfter! 😀

Neues Haustier
Den Kollegen hier habe ich letztens vor meiner Haustür entdeckt, nachdem ich ihn fast mit dem Fahrrad überfahren habe. Damit das dem nächsten Passanten nicht auch passiert, habe ich mich erbarmt und ihn an den Wegesrand gescheucht. Na, wer kann ihn da noch finden? 😛 😀 Mein neues Haustier.

Ich gebe euch einen Tipp: sucht mittig! ;-)
Ich gebe euch einen Tipp: sucht mittig! 😉

Kalligraphie
Vor einer Weile habe ich ja mal vom Kalligraphie-Unterricht erzählt. Vorletzte Woche hatten wir die letzte Stunde, in der wir die Grundzüge der sogenannten Regelschrift erlernt haben. Diese entstand vor 1800 Jahren und erhielt ihre endgültige Form vor rund 1300 Jahren. Damit ist sie der jüngste und auch heute noch am weitesten verbreitete chinesische Kalligraphie- /Schreib-Stil. Zum Abschluss der Kurse erhielten wir als Hausaufgabe zwei Seiten zu schreiben (siehe unten). Tausendprozentig bin ich zwar nicht zufrieden, aber ich kann meine Fehler nun immerhin deutlicher sehen als zuvor und das ist ja auch schon etwas! Seit dieser Woche üben wir nun chinesische Malerei. Sobald ich da etwas halbwegs vernünftiges zu Papier gebracht habe, werde ich es euch wissen lassen! 🙂
Während der bisherigen Unterrichtsstunden hat es aber noch eine sehr unerwartete Entwicklung gegeben: Neben einigen chinesischen Studenten begleitet uns immer eine Englisch Dozentin der Uni, Frau Ma, zu den Kursen. Zu Beginn hatte sie mich einmal gefragt, ob ich eventuell sporadisch beim Dolmetschen helfen könne, da unser Lehrer, Herr Chen, kein Englisch spreche. Anfangs tat ich dies auch, sporadisch. Mittlerweile hat es sich aber so eingebürgert, dass ich komplett allein dolmetsche und Frau Ma lediglich einspringt, wenn ich gar nicht weiter komme. Für mich ist das eine große Ehre, da Herr Chen über einen ziemlich gehobenen und anspruchsvollen Sprachstil verfügt und häufig Aspekte aus der chinesischen Geschichte und Philosophie einbringt. In diesen Fällen verstehe ich selbst auch nur selten alles. Allerdings kann ich ihm in der Regel zumindest noch folgen und die Quintessenz des gesagten an meine Kommilitonen weitergeben. Das Vertrauen und die Chance, die mir mit der Möglichkeit zum Dolmetschen eingeräumt werden, erfüllen mich zudem mit Stolz, da Frau Ma angesichts der von Herrn Chen erläuterten Themen häufig auch erst einmal nach den passenden Worten suchen muss, wenn sie übernimmt. 🙂 Mein kleiner Lernerfolg in chinesischer Kalligraphie (1).Mein kleiner Lernerfolg in chinesischer Kalligraphie (2).

Abendessen
Weil ich vor meiner Abend-Klasse noch so lange an diesem Artikel geschrieben hatte, habe ich es leider nicht mehr geschafft vor dem Unterricht zu essen. Zur „Strafe“ hänge ich darum nun noch ein Bild von meinem Abendessen an, das ich mir auf dem Rückweg vom Campus zur Wohnung schnell geholt habe. Ich dachte, heute gönne ich mir mal was – für 2,5€! 😀 (Die Kartoffeln waren eigentlich randvoll, nur konnte ich mich an der Ampel und im Fahrstuhl nicht beherrschen! 😀 )

Links: ein mit Gemüse gefülltes Fladenbrot, Mitte: scharfe Kartoffelecken, Rechts: Maultaschen.
Links: ein mit Gemüse gefülltes Fladenbrot, Mitte: scharfe Kartoffelecken, Rechts: vegetarische Maultaschen mit Essig und Sojasoße.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.