Einer der Auszog, einen Berg zu erklimmen #2

So schön es auch ist, drängt sich mir am Nachmittag zunehmend mein Plan zurück ins Bewusstsein. Als ich der Meinung bin, genug gesehen zu haben, mache ich mich auf den Rückweg zur Bushaltestelle und zur nächsten Station. Die Fahrt geht vorbei an skurrilen Wasserparks. Gigantische Gummienten tummeln sich neben diversem Wasserspielzeug in einem von Algen (und vermutlich schlimmeren, unsichtbaren Inhaltsstoffen) geplagten Fluss. Den zweiten Bus ersetze ich kurzerhand durch ein illegales Taxi – die Armadas offizieller Taxis aus Chinas Großstädten sucht man in vielen ländlich geprägten Gegenden vergeblich. Mein Fahrer hat zwar noch nie etwas von der „Tausend-Buddha-Felswand“ gehört, aber gegen 16.30 Uhr erreiche ich mein Ziel – oder zumindest glaube ich das: Auf der Suche nach der Felswand werde ich von ein paar Einheimischen ausgelacht, andere schütteln einfach nur den Kopf. Schnell stellt sich heraus, dass die im Internet auf verschiedenen Reiseportalen und Kartendiensten angegebene Adresse schlichtweg falsch und die gesuchte Felswand in Wirklichkeit genau jene ist, die ich zuvor bereits beim Shentong Tempel bestaunt hatte. Aber alles kein Problem, schließlich bin ich mit dem bisherigen Verlauf des Tages sehr zufrieden. Ein paar Minuten lang wandere ich aus Spaß die Straße zur vermeintlichen Felswand hinauf, und sehe nichts außer Äpfeln, Äpfeln und Äpfeln. Der gesamte Ort lebt scheinbar vom Verkauf und an den Straßenrädern stapeln sie sich meterweise. Irgendwann heißt es dann: Zurück zum Bus, zurück nach Jinan, denn der Höhepunkt des Tages liegt ja noch vor mir: die Besteigung des Berg Taishan bei Nacht, um in aller Frühe den Sonnenaufgang erleben zu können!

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Nachdem ich im Bus endlich einen Platz ergattert habe, machen sich die ersten Ermüdungserscheinungen bemerkbar. In der hintersten Reihe sitze ich zwischen einer Oma mit einem riesigen Sack voll – drei Mal dürft ihr raten – Äpfeln, der meine ohnehin beschränkte Beinfreiheit weiter reduziert, und einem jungen Pärchen, das auf der verzweifelten Suche nach einem Hotelzimmer ist. Während er sich abrackert und in einer Geschwindigkeit Anrufe tätigt, die jeden Callcenter Chef stolz machen würde, schmettert sie jeden seiner Vorschläge unerbittlich ab: „Zu billig!“ – „Zu teuer!“ – „Ich teile mir kein Bad, unser Zimmer braucht ein eigenes!“ – „Wie breit ist das Bett – Was, keine 1,80m? Darin schlafe ich nicht!“. Was für eine arme Socke, ich schmunzle in mich hinein und sinke weiter im Sekundentakt in den Schlaf zurück.

Zurück in Jinan überlege ich mir einen Plan für die nächsten Stunden: Baozi sind schön und gut, jetzt will ich aber erst einmal etwas Richtiges essen, danach eine Massage, damit die Füße nicht schlappmachen und schließlich zum Bahnhof von dort nach Tai’an fahren. Die Zeit geht dann doch deutlich schneller rum, als gedacht, und plötzlich gibt es nur noch Tickets für einen Zug um kurz nach Mitternacht. Als es endlich soweit ist und ich meinen Sitzplatz suche, mustere ich etwas nervös die Kleidung meiner Mitfahrer: Die Frau von der Massage hatte erzählt, dass auf dem Gipfel eventuell Schnee liege, ich unbedingt eine dicke Daunenjacke tragen solle und der Aufstieg über sechs Stunden dauere. Im Hostel hatte es jedoch noch geheißen, dass eine dünne Jacke reichen und ich drei bis vier Stunden für den Aufstieg einplanen solle. Ich sitze kaum, da fallen mir schon die Augen zu.

Es ist kurz nach 1 Uhr. Gerädert, wie ich bin, rapple ich mich hoch und bahne mir meinen Weg durch die Massen. Ich hätte nicht mit so vielen nächtlichen Wanderern gerechnet. Vor den Toren des Bahnhofs empfängt uns wenig später ein Heer aus Taxifahrern, die im Gegensatz zu mir alles andere als überrascht wirken und laut rufend um Kunden buhlen. Ich ringe kurz mit mir und steige dann doch in eines der Gefährte. Ob ich noch etwas brauchen würde für meine Mission, fragt der Fahrer – er hat da natürlich schon etwas vorbereitet und lediglich einen kurzen Umweg später halten wir vor einer einsamen Straßenhändlerin und eine Stirnlampe wechselt für umgerechnet 3€ den Besitzer.

Ankunft am Fuß des Berges: Mein Kampfgeist ist erwacht, die Müdigkeit wie weggefegt und ich bin einfach nur noch „heiß“ darauf, den Berg zu erklimmen. Auf dem Weg zum Ticketschalter läuft mir ein aus dem Zug bekanntes Gesicht über den Weg. „Boah, hätte ich mir doch lieber so ein Ding geholt, dann hätte ich jetzt wenigstens eine freie Hand…“, höre ich ihn beim Blick auf meine Stirnlampe grummeln. Wie mein Blick an ihm herabwandert sehe ich aus seiner Rechten eine kleine Funzel leuchten, der linke Arm hingegen ist um ein Dutzend dicker Räucherstäbchen geschlungen (oder anders ausgedrückt: der Gute ist einsam. Angeblich soll es nämlich großes Glück bei der Partnersuche bringen, Räucherstäbchen auf den Berg zu schleppen, dort anzuzünden und die Götter im Gebet um ihre Hilfe zu bitten. Naja, wer daran glaubt… Die lokalen Händler freut’s).

Kurz vor 2 Uhr stiefele ich endlich los. Ich komme gut voran, sogar so gut, dass meine lange Hose und das langärmlige Oberteil zunächst im Rucksack bleiben. Der gesamte Weg ist eine einzige Treppe und mit jedem Pause machenden Chinesen, den ich überhole, wird das Lächeln auf meinem Gesicht breiter. Nach einer reichlichen Stunde erreiche ich Zhongtianmen (中天門), das „Tor auf halbem Weg zum Himmel“. Mittlerweile pfeifft mir der Wind um die Ohren, es ist merklich kälter als zuvor, aber in meinen langen Sachen gerade noch erträglich. Neben Fressbuden bieten die Stände am Weg nun vor allem ausgediente Militäranoraks und kuschlige Schapkas zur Miete an. Ab nun geht es Schlag auf Schlag, die Stufen werden immer schmaler und höher, gleichzeitig nimmt auch die Anzahl der „Mit-Wanderer“ zu. Meine Waden beginnen, sich bemerkbar zu machen. Das Schlimmste liegt allerdings noch vor mir: Keuchend und mit langsamen, aber stetigen Schritten wandle ich die „18 Biegungen“ (十八盤) empor. Unterwegs komme ich an vielen vorbei, die den Aufstieg offensichtlich maßlos unterschätzt haben. Zu beiden Seiten liegen scharenweise erschöpfte und zusammengebrochene Leute, vor allem Alte und diejenigen mit kleinen Kindern, aber auch erstaunlich viele junge Erwachsene in ihren 20ern. Kein Wunder, der Abschnitt ist zwar nicht einmal einen Kilometer lang, hat aber bis zu 40° Steigung und überwindet mehr als 400 Höhenmeter. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreiche ich endlich das „Südliche Tor des Himmels“ (南天門). Es ist noch nicht einmal 5 Uhr und auf dem Plateau drängen sich die Leute. Manche Essen, manche leihen sich zusätzliche Jacken aus und die meisten liegen dicht an dicht irgendwo auf dem Boden, eingepackt in X-Schichten Kleidung, schlafend und sicher mit einem Wecker ausgestattet, der sie rechtzeitig vor Beginn des Sonnenaufgangs wecken soll. Die Szenerie erinnert eher an ein Flüchtlingscamp als einen Touristen Spot.

Entschlossenen Schrittes begebe ich mich zum östlichen „Gipfel zum Beobachten der Sonne“ (日觀峰), dessen Name von der der tollen Ausicht auf den Sonnenaufgang herrührt. Natürlich bin ich nicht allein. Wie die Hühner auf der Stange hocken bereits dutzende Leute vor der Felskante. Da immer mehr Menschen herbeiströmen, beeile ich mich, mir schnell noch einen guten Sitzplatz in der ersten Reihe zu sichern. Bereits nach wenigen Sekunden spüre ich jedoch, wie mir die Kälte des Steins in die Glieder und mehr noch in meinen Allerwertesten fährt. Das kann ich unmöglich lange aushalten, schon gar nicht für eine Stunde. Die Sonne wird erst gegen 5.55 Uhr aufgehen und meine bis dahin vermutlich schon blau gefrorene Haut wärmen. Schnell rolle ich meinen Rucksack zusammen und funktioniere ihn zur Sitzauflage um. Warm wird mir davon nicht, aber immerhin ist es etwas angenehmer als zuvor. Kurzer Themenwechsel: Ein Hoch auf Albert Einstein! Zeit IST relativ, und im Augenblick will sie einfach nicht vergehen. Das ist, wie meine Uroma zu sagen pflegte, schön und nicht schön: Vor mir liegt eine malerische Landschaft, die sich in Zeitlupe verändert. Über mir leuchten der Mond und die Sterne vor einem von Tiefschwarz ins Dunkelblaue übergehenden Himmel, der Horizont beginnt zu glühen und die ersten Vorboten der Sonne vertreiben die Dunkelheit und werfen einen goldenen Schimmer auf die Welt. Das kommt mit sehr gelegen, denn mir ist wirklich, wirklich kalt! Irgendwann ist es geschafft. Die ersten Sonnenstrahlen schieben sich in unser Blickfeld und werden mit frenetischen Jubelschreien und dem Klickern und Klackern zahlreicher Handykameras begrüßt. Unglaublich, wie schön sich das Kribbeln auf der Haut anfühlen kann; ich lehne mich zurück und genieße das Spektakel.


Den Rückweg gehe ich gemächlich an. Es gäbe zwar noch mehr zu entdecken und weitere Gipfel zu erklimmen, aber genug ist genug und die Sehnsucht nach meinem Bett wächst. Auf „halbem Weg“ nehme ich den Bus und ehe ich mich versehe, stehe ich wieder am Ausgangspunkt meiner Tour am Fuß des Berges – was so eine steile Treppe doch alles ausmacht. Die nächsten Stunden lassen sich schnell zusammenfassen: Teller Nudeln. Noch ein Teller Nudeln. Besuch eines nahen Tempels. Irgendwie hatte ich gefühlt schon zu lange keine Nudeln mehr… Teller Nudeln. Flanieren durch den Garten des Tempels. Bus zurück nach Jinan. Hostel. Bett!

Der letzte Tag meines Jinan Trips bricht an und ich mache mich wieder einmal auf den Weg zum Bahnhof. Bevor ich am Abend zurück nach Beijing fahre, will ich aber noch weiter nach Süden, genauer nach Qufu, der Heimatstadt Konfuzius. Die Stadt zählt mit ihren drei wichtigsten Sehenswürdigkeiten seit 1994 zum Weltkulturerbe und kann auf Grund ihrer überschaubaren Größe bestimmt gut per Rad erkundet werden. Da man zunächst allerdings vom Bahnhof in die Stadt kommen muss und mir meine Rückfahrt einen strengen Zeitplan diktiert, mache ich es mir als Beifahrer des erstbesten Taxis bequem.

Wer Qufu besucht, muss unbedingt den Tempel, die Villa und den „Gräberwald“ des Konfuzius besuchen, so wurde mir im Vorfeld gesagt. Wer dies jedoch auf eigene Faust versucht, dem wird – so fürchte ich – etwas langweilig werden. Denn wer alleine Ausstellungen besichtigen, durch verträumte Gärten schlendern und altehrwürdige Tempelanlagen bestaunen will, muss dafür nicht extra nach Qufu fahren. Es sind nicht die materiellen Dinge, die die Stadt besonders machen. Es ist die Geschichte, die dem Ort seine Seele einhaucht und es sind viele kleine Geschichten, die ihn lebendig machen. Dies mag auf alle kulturellen Stätten weltweit zutreffen, doch noch nirgendwo sonst in China habe ich diese Erfahrung so deutlich machen müssen wie in Qufu. Doch kein Grund zum traurig sein: Glücklicherweise bin ich des Chinesischen mächtig (wenn auch in diesem Kontext natürlich mit Einschränkungen), weshalb ich die eine oder andere Anekdote aufschnappen konnte. Doch diese Geschichten sollen ein andermal erzählt werden, damit sich dieser (viel zu lange und detaillierte) Bericht nun (endlich) dem Ende neigen kann. Ich bedanke mich bei allen, die es bis hierhin geschafft haben, für ihre Treue! 🙂

Kurz vor der Rückfahrt nach Peking am Bahnhof in Jinan.

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