Einer der auszog, einen Berg zu erklimmen #1

„Pünktlich“ 50 Tage und den nächsten laaangen Urlaub später folgt nun endlich die Fortsetzung meines Jinan Ausflugs. Um Euch, meinen „zahlreichen Lesern“, eine kleine Erinnerungshilfe zu geben, hier noch einmal, was zuletzt geschah: An einem verlängerten Wochenende um 中秋節, den chinesischen Mittherbst, besuche ich Jinan, die Hauptstadt Shandongs. Nach einem Erkundungsausflug in die Stadt werde ich am ersten Abend im Hostel zum Essen eingeladen. Es gibt reichlich Speis und Trank, wobei ersteres einfach nur köstlich und letzteres mehr als nur ein kleines Verdauungsschnäpschen ist. Der Abend wird daraufhin länger und die Nacht deutlich kürzer als geplant.
Kurz vor dem Einschlafen denke ich darüber nach, ob ich unter diesen Umständen meinen Plan für den zweiten Tag noch umsetzen können werde: Insgesamt drei Besuchsziele im Süden der Stadt stehen auf dem Programm: Die Vier-Tor-Pagode, die Tausend-Buddha-Felswand und den Berg Taishan in Taian. Die jeweiligen Entfernungen sind überschaubar: von meiner Unterkunft zu Ziel A (Vier-Tor-Pagode) sind es rund 40km, von A nach B (Tausend-Buddha-Felswand) nicht einmal 5km und zu C (Taian) weitere 45km. Doch neben der im letzten Beitrag angesprochenen Nahverkehrssituation erschwert das zerklüftete Relief der Region zusätzlich den Transport: Für die Busfahrt zur Pagode berechnet mein Navigationssystem eine Dauer von 2,5 Stunden, von B nach C müsste ich querfeldein einen Bergrücken queren und mir für die Fahrt nach Taian eine Mitfahrgelegenheit suchen, da dorthin keine regulären Busse verkehren. Mit Blick auf mein Budget und meine Ausdauer – es soll schließlich wieder ein langer Tag werden und ich will nicht riskieren, frühzeitig schlapp zu machen – beschließe ich, die letzten beiden Optionen wieder zu verwerfen. Stattdessen soll es nun auch von der Pagode zur Felswand mit dem Bus gehen (aus 5km Luftlinie werden 22km Fahrstrecke; 1 Stunde) und für die Fahrt zum Taishan plane ich, erst mit dem Bus zurück nach Jinan und von dort per Zug weiter nach Taian zu gelangen (2,5 Stunden + 1 Stunde).

Um Viertel nach Sieben klingelt mein Wecker, verschlafen stehe ich auf und mache meinen Rucksack fertig – jeder Atemzug schmeckt nach Baijiu, dem traditionellen chinesischen Schnaps, und lässt mir die Nackenhaare zu Berge stehen. Obwohl ich am Abend nicht im Hostel übernachten werde, darf ich glücklicherweise einen Großteil meiner Sachen hierlassen. Nach einer göttlichen Dusche mache ich mich auf den Weg, zunächst lege ich jedoch noch einen Zwischenstopp ein: Am Vortag hatte ich in der Nähe einen Baozi-Laden entdeckt. Wer meinen Blog schon länger verfolgt, kennt meine Vorliebe für die großen Teigtaschen, die zudem meine bevorzugte Reiseverpflegung sind: Sie machen schnell satt und sind leicht in großer Zahl transportierbar. „Fünf Baozi mit Knoblauch-Schnittlauch (韭菜 und ja, das ist kein Schreibfehler, sondern die offizielle Übersetzung), fünf mit scharfen Bohnen-Vermicelli sowie Tofu und fünf mit Currygeschmack“, raune ich der Verkäuferin mit meinem Atem des Todes zu und ernte verdutzte Blicke – viele Chinesen essen im Schnitt vielleicht zwei oder drei Baozi zum Frühstück.

Als ich an der Haltestelle ankomme, ist es bereits 8 Uhr. Die Baozi sind bei weitem nicht so lecker wie die, die ich mir vor zwei Jahren in Wenjiang täglich zum Frühstück gönnte, erfüllen aber ihren Zweck. Nur der Bus will einfach nicht kommen und mit meinen Plan im Hinterkopf werde ich langsam zappelig. Eine halbe Stunde später fährt er dann endlich vor, es gibt es natürlich keine freien Sitzplätze mehr. Na toll, denke ich mir, du stinkst nicht nur wie eine Bar auf Rädern, sondern wirst die nächsten zweieinhalb Stunden auch noch stehen dürfen. Während ich mich frage, ob ich das durchhalten werde, integriert mich eine fremde Frau mittleren Alters irgendwie in ihr Gespräch mit einer jungen Mama, deren Tochter und Mutter. Plötzlich fragt mich die Frau nach „unserem Geld“ und tatsächlich finden sich in einer Tasche meines Rucksacks noch ein paar Euro Cent Münzen, die ich zur großer Begeisterung aller als Andenken verschenke. Dem kleinen Mädchen drücke ich noch ein Hustenbonbon in die Hand und alle sind happy (Allerdings stehen kleine chinesische Mädchen scheinbar nicht so sehr auf schweizer Kräuterbonbons: Nur ein paar Minuten später beginnt sich ihr Gesicht zu verziehen, woraufhin mir die Mutter erklärt, dass es wohl etwas zu scharf sei). 😀
Die umliegenden Personen verfolgen das Geschehen mit höflichem Interesse – Ausländer scheint es in Jinan nicht viele zu geben. Nach einer Viertelstunde will einer unserer Zuhörer, ein älterer Herr, aussteigen. Er schüttelt mir die Hand und nötigt mich freundlich, seinen Platz einzunehmen. Also doch keine zwei Stunden stehen, was für ein Glück ich doch habe (Und um etwas vorwegzugreifen: Es soll an diesem Tag nicht das letzte Mal gewesen sein, dass mir dieser Gedanke kommt)! 🙂
Kurz vor 11 Uhr erreichen wir endlich den Shentong Tempel, der neben der Vier-Tür-Pagode gelegen ist beziehungsweise auf dessen Gelände sich letztere befindet. Die Anfänge des Tempels liegen über 2300 Jahre zurück. Nach verheerenden Feuern und dem Erstarken anderer buddhistischer Tempel in der Region verlor er jedoch nach und nach seine Bedeutung und verfiel letztlich vollends.jinan_1-1Ein Besuch der Ruinen sowie des Museums sind für Geschichtsinteressierte durchaus lohnenswert, außerdem hat eine Vielzahl an Pagoden aus unterschiedlichen Dynastien die Zeit überdauert. Das berühmteste Objekt hier ist die Vier-Tür-Pagode, die mit über 1350 Jahren die älteste Steinpagode Chinas ist. Im Park habe ich zunächst leichte Orientierungsschwierigkeiten und mir wird deutlich, wie sehr ich bereits von den großen chinesischen Nationalparks beeinflusst bin und welche Unterschiede es zwischen diesen und den kleineren, oft vernachlässigten Parks gibt. Hier gibt es keine vorgegebenen Pfade oder eine Reihenfolge zur Besichtigung der Sehenswürdigkeiten, die Informationsschilder sind alt und ausgeblichen. Unzählige Male halte ich inne und überprüfe auf meinem Handy, ob ich der richtigen Route folge. Viele Wege sind auf den ersten Blick nicht zu erkennen und ähneln eher Trampelpfaden. Aber, und das fällt mir sofort positiv auf: Trotz des Feiertags (und vermutlich auch auf Grund der ungünstigen Verkehrsanbindung) sind kaum Leute unterwegs, die Atmosphäre ist viel ruhiger, friedlicher und dank der Abwesenheit chinesischer Reisegruppen auch wesentlich entspannter.
Blick von oben auf die Vier-Tür-Pagode.Kapitell einer Stele, auf der die Hierarchie und Namen ehemaliger Ordensmitglieder eingraviert sind.
Fröhlich wie ein kleiner Junge erkunde ich die Gegend. Die Sonne lacht, ich freue mich über die Gelegenheit zum Wandern und lese mit Spannung die vielen Geschichten der Pagoden, denn jede erzählt seine eigene: Die „kleine Song Pagode“ ist die einzige aus ihrer Periode in diesem Gebiet und wurde von ihrem Erbauer vor fast eintausend Jahren zu Ehren seiner Eltern errichtet – spontan machte ich ein Foto und schickte es meinen eigenen Eltern. Eine andere Pagode verdankt ihren Namen einer Legende: In der Ming Dynastie soll ein Vater als Mönch im Shentong Tempel und seine Tochter als Nonne in einem nahegelegenen Kloster gelebt haben. Als gute Tochter wusch das Mädchen die Roben ihres Vaters. Da es aber den Bräuchen widersprach, dass sich Mann und Frau – egal ob Vater und Tochter – beliebig trafen, legten sie die Kleider jeweils in der Pagode ab und tauschten sie so aus. Neben der Vier-Tür-Pagode staune ich über einen 2.000 Jahre alten Lebensbaum und werde von ein paar Großeltern gefragt, ob sie nicht ein Foto von mir mit ihrem Enkel schießen können. Später folge ich 30 Minuten lang einem verwahrlosten Pfad bergauf. Der Schweiß rinnt mir in Strömen über das Gesicht und plötzlich stehe ich sprichwörtlich allein da, vor mir ein Tal, dahinter die Berge. Kein Mensch ist zu hören, kein Auto und auch sonst nichts. Ich muss laut anfangen zu lachen und schreibe im Überschwang Freunden in Deutschland, dass ich „ihn gefunden habe, den Ort in China, an dem keiner ist, außer mir“. Ich wandere weiter auf dem Bergrücken entlang, sauge die Natur, die Landschaft und die Stille in mich ein. Irgendwann stoppt eine steile Felswand mein Vordringen. Für einen guten Kletterer wäre das sicher ein Klacks. Minutenlang mustere ich die Wand und wäge mögliche Kletterrouten ab, letztlich siegen aber die Vernunft und der Respekt vor dem 100m tiefen Abgrund zu meiner Linken. Als ich den Berg wieder hinabsteige, gelange ich zu einem kleinen Tempel neben einem modernen, sechsstöckigen Haus. Als ich mich abwenden und gehen will, steht plötzlich ein chinesischer Mann vor mir und fragt mit starkem Akzent, ob er mir aus „meiner Hand lesen“ solle. Ich wittere einen Versuch, mich um Geld zu erleichtern, bin aber nicht energisch genug und lasse ihn gewähren. Daraufhin prophezeit er mir, dass ich „bis ins hohe Alter leben, als Beamter arbeiten und viele Freunde haben“ werde – dagegen habe ich nichts einzuwenden. 😉 Nach einer kurzen Pause in einem Bambushain entdecke ich eine Felswand, aus der zahllose Buddhas, metergroße sowie zentimeterkleine, herausgearbeitet wurden. Ein buddhistischer Mönch bittet mich, gemeinsam vor der „Drachen und Tiger Pagode“ zu posieren. Und so geht es immer fort……
jinan_1-4jinan_1-5Obwohl der Weg bei weitem nicht immer so leicht zu erkennen war wie hier, bahnte ich mir meinen Weg immer weiter den Berg hinauf...jinan_1-9jinan_1-8jinan_1-10jinan_1-12jinan_1-13jinan_1-24jinan_1-14jinan_1-15jinan_1-16

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.