Dschingis Khans Erbe

Fast schon in altgewohnter Manier sitze ich im Zug und betrachte die vor dem Fenster vorbeifliegenden Landschaften, während ich über das in der vergangenen Woche Erlebte nachdenke und gleichzeitig den Worten einer meiner Mitfahrer lausche.

Neue Geschichten aus dem Zug
Dieses Mal handelt es sich bei dem Mann neben mir um einen 87 Jahre alten Chinesen, der an der berühmten Fudan Universität in Shanghai studiert und sein Berufsleben im Bereich des Stromtransports in einem Kernkraftwerk verbracht hat. Er spricht in einem Mix aus Englisch und Chinesisch, interessiert sich sehr für Geschichte, war bereits zwei Mal in Deutschland, in München und im Schwarzwald, und hat einen leichten Hörschaden auf dem rechten Ohr. Er scheint kein Freund der Demokratie zu sein, wirft den Regierungen der USA und vieler europäischer Ländern vor, vieles zu versprechen und dann letztlich doch nicht zu halten. Er erzählt davon, dass es seiner Meinung nach in einem großen Land wie China keine funktionierende Demokratie geben könne, von Mao und der Kommunistischen Partei, lobt deren Ideale, kritisiert jedoch auch die akuten Korruptionsprobleme. Macht korrumpiere. Er spricht vom 1. und 2. WK, davon dass der erste Deutschland nicht vorzuwerfen sei und dass Hitler die Folgesituation gekonnt ausgenutzt und damit den zweiten verursacht habe.
Es gibt sicherlich viele Themen, wo ich seine Ansichten nicht teile. Doch lasse ich ihn lieber erzählen, denn es scheint als höre er meine Fragen manchmal nicht oder er springt gleich weiter zu einem ganz anderen Thema. Zweifellos ist er aber eine sehr interessante Persönlichkeit, die bereits vieles gesehen und erlebt hat. Eben ist er ausgestiegen (aber natürlich nicht ohne mir vorher seine Visitenkarte zuzustecken und nach meinen Kontaktdaten zu fragen. Er sagt, wenn er das nächste Mal nach Deutschland komme, würde er mich besuchen. Jetzt bleibt natürlich abzuwarten, ob es dazu kommt und ob ich dann gerade auch mal wieder im Lande bin! 😉 ).

Von Moderne, Tradition und ethnischen Unterschieden
Die Idee, in die innere Mongolei zu fahren, entstand bereits vor einigen Monaten in Deutschland. Eine Freundin und Kommilitonin von mir aus Passau ist gebürtige Mongolin und stammt aus Hohhot. Da sie gerade zum ersten Mal seit 2 Jahren auf Heimaturlaub ist, dachte ich mir, dass es doch eine tolle Gelegenheit sei, sie zu besuchen und so die Region und Kultur der Mongolen kennenzulernen.
Am Abend des 28. August kam ich dann in Hohhot an und heute reise ich auch schon wieder ab. Eine spannende Woche mit vielen intensiven Eindrücken liegt hinter mir. Aber zunächst noch einmal: ich war NICHT außerhalb Chinas. Die Begriffe innere und äußere Mongolei scheinen für einige Verwirrung gesorgt zu haben, allerdings habe ich sie mir nicht ausgedacht, sondern sie sind geschichtlich und politisch gewachsen. Die innere Mongolei ist, wie schon im letzten Bericht angemerkt, eine Provinz und ein autonomes Gebiet in Nordchina. In den vergangenen sieben Tagen war ich dabei zum einen in der Hauptstadt Hohhot und zum anderen in Ordos, einer Stadt im zentralen Südwesten der inneren Mongolei, unterwegs. Im letzten Beitrag schrieb ich auch, dass folgendes Bild mein erster Blick auf Hohhot gewesen sei. Jetzt möchte ich natürlich noch einmal erklären, was es damit auf sich hat und inwiefern dieses Bild in meinen Augen repräsentativ für die ganze Provinz ist.
Hohhot (1).
Der Bahnhof in Hohot Ost, an dem ich ankam, ist in einem nigelnagelneuen Gebäude untergebracht und von lauter modernen Hochhäusern und Baustellen für weitere Bauten dieser Art umgeben. Ich vermutete, dass das lediglich in dieser Ecke der Stadt so sei, doch als mich meine Kommilitonin abholte und wir zu ihr fuhren, blieb die Szenerie stets gleich und ich begann mich zu wundern, wie alt diese Stadt wohl sei. Sie erzählte mir daraufhin, dass die Stadt bereits seit Jahren nach Osten expandieren würde, und dass viele der Gebäude hier erst in den letzten fünf Jahren entstanden seien. Doch in den Folgetagen bemerkte ich, dass nicht nur der Ostteil, sondern die gesamte Stadt einen sehr modernen Eindruck macht. Als ich dann endlich einmal die Altstadt Hohhots zu Gesicht bekam (aus dem Taxi heraus), wirkte sie vergleichsweise winzig und leicht zu Fuß abzulaufen.
Hohhot (2).
Hohhot (3).
Hohhot (4).
Doch die Situation in Hohhot ist nichts im Vergleich zu der in Ordos. Dort verbrachte ich die meiste Zeit im Stadtteil Kangbashi. Dieser wurde 2003 aus dem Nichts heraus errichtet: Eine voll funktionsfähige Stadt mit Infrastruktur und Wohnraum für über 300.000 Menschen – da aus dem Boden gestampft, wo zuvor nur Wiese war. Es gibt große Parks, hochmoderne Gebäude, breite Straßen – es ist einfach Wahnsinn, was hier in den letzten 11 Jahren entstanden ist und noch am entstehen ist (Ich habe unter anderem eine Schule besichtigen können. Abgesehen von den Unterrichtszeiten, kann jeder deutsche Schüler von so einem Ort nur träumen: eigene Schwimm-, Basketball-, Volleyballhalle, Tartanbahn direkt vor der Tür, ein eigenes Fußballfeld, mindestens 5 Tennis-, Basketball- und Volleyballfelder im Freien und und und. Jetzt kommt der Haken: der Unterricht beginnt früh um 6.20 mit selbstständigem Studium (obligatorisch) und endet abends um 21.20 Uhr. Natürlich gibt es zwischendurch auch Pausen, aber trotzdem ist das ein Arbeitstag, den ich niemandem wünsche, vor allem keinem Kind. Darum ist es auch mehr als gerecht, dass die Kinder hier so viele und gute außerschuliche Möglichkeiten haben, sich auszutoben und abzureagieren.)

Museum und Bücherei von Ordos.
Museum und Bücherei von Ordos.

Ordos (2).Ordos (3).

Die Häuser stehen schon und sind bewohnt. Nur die Straße fehlt noch.
Die Häuser stehen schon und sind bewohnt. Nur die Straße fehlt noch.
Karte vom Campus der Schule, die ich besucht habe (die Uni Passau wirkt klein dagegen).
Karte vom Campus der Schule, die ich besucht habe (die Uni Passau wirkt klein dagegen und das obwohl sie 10x so viele Studenten hat).

Noch vor einigen Jahren hatte der Ort den Ruf einer Geisterstadt, weil er erst von lediglich 5.000 Leuten bewohnt wurde. Heute haben sich schon deutlich mehr Menschen angesiedelt und alle wichtigen Institutionen und Einrichtungen wie Regierung, Schulen, Museen aus den alten Stadtteilen wurden nach Kangbashi verlagert. Trotzdem sieht man in den Randregionen noch viele leerstehende Geschäfte oder Wohnungen und Zugangsstraßen die gebaut werden. Doch warum das alles?
Die innere Mongolei und vor allem das Gebiet um Ordos ist sehr reich an Bodenschätzen und eines der größten Objekte der Begierde heißt Kohle. Öffentliche und private Geldgeber investierten darum in den letzten Jahren enorme Summen in die Region und so entstand auch Kangbashi. Allerdings vermute ich, dass es zwischenzeitlich entweder Geldprobleme gegeben haben muss oder aber im nicht gerade kleinen Stil gepfuscht worden ist, denn große Teile der noch sehr jungen Bausubstanz weisen bereits deutlich sichtbare Mängel auf.
Würde man einen Menschen mit verbundenen Augen auf die Straßen Kangbashis führen und ihn dann fragen, wo er sei, würde man sicherlich viele Antworten erhalten. Aber ganz bestimmt würde keine lauten: in der Mongolei. Die Architektur ist eindeutig westlich orientiert und erst auf den zweiten Blick enttarnt man die vorhandenen mongolischen Elemente, wie beispielsweise „jurtenartige“ Aufbauten auf Hochhäusern, oder die vielen Pferdeskulpturen vor öffentlichen Gebäuden. Doch so viel erst einmal zu der äußeren Situation in der Mongolei.

Pferdemonument vor der Stadtverwaltung.
Pferdemonument vor der Stadtverwaltung.

Bevor ich nun jedoch zu meinen Erlebnissen komme, muss ich noch kurz etwas über die Bevölkerungssituation in der inneren Mongolei sagen: Die Provinz ist 3-4 Mal so groß wie Deutschland und insgesamt leben hier rund 23 Millionen Menschen. Davon sind rund 18 Millionen Han Chinesen, 4,5 Millionen Mongolen und ansonsten gibt es noch Hui (chinesische Muslime) und einige wenige andere Minderheiten. Die Han sprechen Mandarin und ihren lokalen Dialekt, der für Außenstehende eher schwer bis gar nicht zu verstehen ist. Die Mongolen sprechen Mongolisch und Mandarin (wobei das Sprachlevel in Mandarin stark vom Alter und der Beschäftigung abhängig ist). Nun fragt ihr euch vielleicht, inwiefern das für meine Erlebnisse wichtig ist. Nun ja, bestimmt ist euch schon aufgefallen, dass die Provinz „Innere Mongolei“ heißt, die Mongolen aber nicht einmal ein Viertel der Bevölkerung ausmachen. In Hohhot stellen sie sogar lediglich 10% der Bevölkerung.
In der Woche hier sind mir die Thematik Vielvölkerstaat und die damit verbundenen Herausforderungen um einiges bewusster geworden. Meine Kommilitonin, ihre Familie und Freunde und somit alle, mit denen ich in den vergangenen Tagen zu tun hatte, sind Mongolen. Fast alles, was wir zusammen gemacht haben, war von mongolischen Traditionen geprägt. Wir aßen in mongolischen Restaurants, tranken mongolischen Schnaps, übernachteten einmal in einer Jurte, ritten auf Pferden. Ich hörte tägliche die mongolische Sprache, sah die Schrift und hörte mongolische Lieder. Im Nationalmuseum lernte ich vom Aufstieg und Fall des mongolischen Reiches und ich besuchte das Dschingis Khan Mausoleum.
Doch obwohl ich die mongolische Kultur lebte, war ich in China, war ich auf der Straße, im Bus oder im Taxi vor allem von Han Chinesen umgeben. Viele der Traditionen und Dinge, die ich hier gesehen und erlebt habe, sind zudem erst seit einigen Jahren wieder erlaubt. Zu großen Teil ist das auf die politische Situation in der Volksrepublik zurückzuführen, doch es lässt sich auch einfach nicht leugnen, dass die Mongolen und Han jahrhundertelang Erzfeinde waren und sich gegenseitig bekämpft haben. Und dennoch leben heute weltweit die meisten Mongolen in diesem Gebiet (Zum Vergleich: im Nachbarland, der Mongolei, leben gerade einmal 3 Millionen Mongolen).
Es gibt mitunter getrennte Schulen und Kindergärten für Han und für Mongolen. Auf der einen Seite will man die sprachlichen Barrieren überwinden, aber auf der anderen Seite wollen die Mongolen ihre Kultur und Sprache nicht verlieren, wie es zum Großteil im Nachbarstaat geschehen ist und wo heute alles auf Kyrillisch geschrieben wird (in der inneren Mongolei ist alles zweisprachig, in chinesischen Schriftzeichen und auf Mongolisch, geschrieben).
Allerdings nimmt die Zahl der Han Chinesen verhältnismäßig zu und ich hatte das Gefühl, dass vielen Mongolen diese Entwicklung Sorgen bereitet. Man könnte fast so weit gehen zu sagen, sie fühlen sich mehr und mehr wie Fremde im eigenen Land (Entgegen der Behauptung der KPC, dass doch alle Völker hier gerne Teil des Staates seien und sich bereitwillig in das große Gesamtbild fügen – so oder zumindest so ähnlich kann man nämlich folgenden Text verstehen, den ich im Nationalmuseum der inneren Mongolei gefunden habe).
Schrifttafel aus dem nationalen Museum der Inneren Mongolei.Ich habe auch mit einigen Han gesprochen. Sie meinten, sie können meine Gedanken nicht ganz nachvollziehen. China sei schon seit Jahrtausenden ein Vielvölkerstaat und die Leute hätten ja schließlich eine Wahl und würden ihre Kultur mit Sicherheit nur dann anpassen / aufgeben, wenn es ihnen dadurch besser ginge. Das sehe ich allerdings nicht ganz so. Wenn ich mich beispielsweise als mongolischer Restaurantbesitzer weigere, auch Elemente, die die Han bevorzugen, in meine Küche aufzunehmen, habe ich möglicherweise mit finanziellen Konsequenzen zu rechnen und das hat dann in meinen Augen nicht mehr viel mit Wahlmöglichkeit zu tun.

Mir ist bewusst, dass ich sehr aufpassen muss, wie ich mich bei diesem Thema ausdrücke und darum wünsche ich mir, dass mich niemand falsch versteht. (Ich fordere hier weder eine Abspaltung der Inneren Mongolei, noch eine Vertreibung von Han aus diesem Gebiet.) Allerdings möchte ich damit deutlich machen, dass Chinesen nicht gleich Chinesen sind und auch dass es eine regelrechte Gratwanderung ist, den richtigen Mittelweg zwischen Schutz von Kultur und Tradition sowie der Integration eines Volkes zu finden.

Im Anschluss möchte ich euch natürlich noch ein paar weitere Bilder zeigen. Die Woche hier war mal etwas ganz anderes. Ich habe kein „sightseeing“ gemacht wie sonst und quasi nur „Kultururlaub“ erlebt. Es hat mir wirklich sehr, sehr gut gefallen und auch wenn ich viele Konversationen nicht verstehen konnte oder sie mir erst übersetzt werden musste und ich als Vegetarier einen Großteil der traditionellen Gerichte (die vor allem aus Fleisch und Milchprodukten bestehen) nicht probieren konnte, habe ich mich herzlich aufgenommen gefühlt und die mongolische Kultur und ihre Traditionen zu schätzen gelernt. Bei Gelegenheit möchte ich gerne noch einmal zurückkehren! Außerdem hat mich mein Aufenthalt in dem Wunsch bestärkt, eines Tages die äußere Mongolei zu besuchen und dort meine Erfahrungen auszubauen und dazu die große Weite das Graslandes kennenzulernen! 🙂

Livemusik in einer mongolischen Bar in Hohhot.
Livemusik in einer mongolischen Bar in Hohhot.
Mongolische Modenschau bei einer Veranstaltung im Stadtzentrum von Hohhot.
Mongolische Modenschau bei einer Veranstaltung im Stadtzentrum von Hohhot.
Unser Schlafplatz für eine Nacht von außen...
Unser Schlafplatz für eine Nacht von außen…
...und von innen.
…und von innen.
Eine Pferdeherde wird auf die Weide getrieben.
Eine Pferdeherde wird auf die Weide getrieben.
Der sprichwörtlich teuerste Hengst im Stall (~75.000€).
Das sprichwörtlich beste Pferd im Stall (~75.000€).
Auf dem hohen Ross (wenn es doch nur so einfach wäre, wie es aussieht :-/ )!
Auf dem hohen Ross (wenn es doch nur so einfach wäre, wie es aussieht :-/ )!
Ein berühmter Aobao beim Dschingis Khan Mausoleum.
Der Aobao (=traditioneller mongolischer Stein-Gebetshaufen), an dessen Stelle Dschingis Khan angeblich vor hunderten von Jahren aus mangelnder Konzentration und Entzücken über die schöne Landschaft seine Peitsche hat fallen lassen – etwas, was keinem mongolischen Reiter je geschehen würde! Später, so sagt man, als sein Leichnahm zurück in seine Heimat zurückgebracht werden sollte, blieb der Wagen mit dem toten Körper an eben jener Stelle stecken und ließ sich nicht mehr fortbewegen. Das sah man als Zeichen an und deshalb soll Dschingis Kahn auch irgendwo in der Nähe von Ordos beerdigt worden sein. Wo genau weiß keiner, denn die Mongolen glauben, dass der Körper vergänglich sei und aus der Natur komme und auch wieder zu ihr zurück gehe. Darum wurde die Begräbnisstätten nicht gekennzeichnet und gilt bis heute als verschollen.
Gemeinsam mit dem ersten Großkhan, dem Begründer des am weitesten ausgedehnten Landes, das die Welt je gesehen hat.
Gemeinsam mit dem ersten Großkhan, dem Begründer des am weitesten ausgedehnten Landes, das die Welt je gesehen hat (Insgesamt fast doppelt so groß wie das heutige Russland).
In traditioneller mongolischer Kluft.
Das mongolische Banner. Links in traditioneller mongolischer Kluft und rechts das mongolische Banner.
Der gute selbstgebrannte Schnaps...
Der gute selbstgebrannte Schnaps… (keine Angst, das war noch vor dem Trinken und ich grinse einfach nur so 😀 ).
Der letzte gemeinsame Abend in der Mongolei.
Der letzte gemeinsame Abend in der Mongolei.

Ps.: Ich bin übrigens gerade auf dem Weg nach Xi’An. Dort werde ich drei Tage bleiben und dann beginnt meine vorerst letzte Reiseetappe: Am 6. September geht es dann endlich nach Chengdu und ich bin schon wahnsinnig gespannt auf die Stadt, in der ich mindestens für die nächsten 6 Monate leben werde! 🙂

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