Die Ostküste lässt grüßen

Vor kurzem hat mir mal jemand gesagt: „In China sind 2000km doch gar nicht so weit!“ – Und damit sollte er recht behalten. Keine 2,5 Stunden dauerte der Flug von Chengdu zur ersten Station meines Urlaubs: Shanghai! Ein Besuch der Metropole an Chinas Ostküste gilt vor allem unter „Ausländern“ als unbedingter Muss. Also folgte ich dem Ruf der Massen und machte mich auf die Reise.

Doch bevor es richtig los geht, muss ich zunächst (wieder einmal) etwas weiter ausholen: Immer wenn mir kürzlich im Alltag etwas spannendes widerfahren ist oder ich an einen neuen Artikel schreibe, fragte ich mich, ob ich meine Erfahrungen hier überhaupt „authentisch“ vermitteln kann? Mit jedem Tag den ich in China lebe, tauche ich tiefer in diese für viele „Westler“ exotisch anders anmutende Welt ein und werde letztlich ein Teil von ihr. Obwohl ich mich als ein Bindeglied zwischen deutscher und chinesischer Welt sehe, spüre ich, dass sich die Zentren dieser beiden Sphären immer mehr aufeinander zubewegen und verschmelzen. Beispielsweise nehme ich gewisse kulturelle Unterschiede nicht mehr aktiv wahr oder vertrete in bestimmten Beziehungen eher chinesische Standpunkte. Sprich, die „Andersartigkeit“ wird Normalität für mich. Wie kann ich euch also authentisch von etwas berichten, wenn die eigenen Vorstellungen von Größe, Geschmack, Kultur und Werten mittlerweile ganz anderen Maßstäben unterliegen als die euren?

Warum all diese philosophisch anmutende Vorrede? Dafür gibt es zwei Gründe, die mir während der Zeit in Shanghai aufgefallen sind:

1. Shanghai ist groß.
2. Shanghai ist anders als andere chinesische Städte.

So banal diese beiden Sätze auch sein mögen, ohne zusätzliche Erklärung kann sie vermutlich nur nachvollziehen, wer die Stadt bereits besucht hat.
China sowie auch andere asiatische Staaten sind für ihre omnipräsenten Superlative bekannt. Einer davon sind die für deutsche Verhältnisse überdimensional großen Städte. Doch was ist eigentlich eine „große Stadt“? Für einen durchschnittlichen Deutschen ist das vermutlich Berlin mit seinen 3,5 Mio. Einwohnern. So etwas in China zu finden, fällt allerdings alles andere als schwer. Allein Chengdu verfügt als Metropolregion bereits über 14 Millionen Einwohner. Trotzdem fühlt es sich nicht zwingend größer an als Berlin. Warum das so ist, offenbart sich bei einem Blick auf die jeweiligen Flächen und Bevölkerungsdichten. Dazu und damit ihr eine annähernde Vorstellung bekommt, was ich mit „Shanghai ist groß“ wirklich meine, habe ich im Folgenden einen kurzen Vergleich zwischen Berlin, Chengdu, Shanghai und Tokio vorbereitet. Denn in Berlin waren die meisten bestimmt schon einmal:

 BerlinChengduShanghaiTokio
Einwohnerzahl 1
(Kernstadt)
3.421.8297.415.59021.766.0009.153.953
Fläche 1
(km²)
891,752.174,62.643622
Bevölkerungsdichte 1
(Ew./km²)
3.8373.4008235,314.717,4
Einwohnerzahl 2
(Metropolregion)
5.871.02214.047.62524.151.50037.555.000
Fläche 2
(km²)
30.370,3612.163,166.340,5
(+697 zu Wasser)
13.572
Bevölkerungsdichte 2
(Ew./km²)
1931.2003.8002767,1
Hieran zeigt sich deutlich, dass in Shanghais Innenstadt nicht nur mehr als doppelt so viele Menschen pro km² leben wie in Berlin, sondern dass die gesamte Shanghaier Metropolregion (obwohl sie mehr als 7x so groß ist) die gleiche Bevölkerungsdichte aufweist, wie die Innenstadt der deutschen Hauptstadt! Tokio kann damit, zumindest was die Einwohnerzahl angeht, zwar locker mithalten, allerdings verfügt die dortige Innenstadt auch nur über ein Viertel der Fläche beziehungsweise ist die Metropolregion anderthalb mal größer als die von Shanghai. Setzt man beide Flächen ins Verhältnis, muss sich dann auch die japanische Hauptstadt geschlagen geben.

Smog in Shanghai
Smog in Shanghai

Unmengen an Menschen, dazu noch der Smog… Das klingt zunächst nach einem Moloch von einer Stadt. Glücklicherweise verfügt Shanghai über ein hervorragend ausgebautes U-Bahnnetz. Dieses ist einerseits absolut notwendig, weil es auf Grund des Verkehrs und der schieren Größe der Stadt vermutlich unmöglich oder allenfalls sehr nervenaufreibend wäre, durch den Tag zu kommen. Andererseits verdeutlicht es einem, was für Luxusprobleme wir/ ich in Deutschland haben, wenn wir beispielsweise eine Dauer von 30-60 Minuten zur Arbeit, Schule oder Uni bereits als lästig empfinden. Denn das entspricht in Städten wie Shanghai häufig noch der Untergrenze für viele Strecken. Die überwiegende Bevölkerung hat zudem auch keine Möglichkeit näher an ihren Arbeitsplatz zu ziehen, da sie es sich entweder nicht leisten kann oder es schlicht nicht genügend Wohnraum gibt (oder dieser aus anderen Gründen nicht verfügbar ist. Stichwort Immobilienblase). Gleichzeitig empfehle ich jedem so viel wie möglich von Shanghai zu Fuß zu erkunden, doch dazu komme ich gleich.

So viel zu erstens. Was hat es allerdings mit zweitens auf sich? Derartig alleinstehend und ohne entsprechenden Kontext ist „anders“ schließlich ein äußerst schwammiger, gar nichtssagender Begriff. In erster Linie beziehe ich mich damit auf meine Erfahrungen mit anderen chinesischen Städten. Denn Shanghai, so finde ich, ist nicht (mehr?) eindeutig chinesisch. Dies würde ich vor allem an der Architektur festmachen. Im sogenannten französischen Viertel finden sich viele Cafés und Altbauten, die Straßen sind beidseitig von Platanen gesäumt. Manchmal hatte ich eher das Gefühl durch die Gassen Leipzigs zu schlendern, nur eben mit mehr Chinesen um mich herum.Altbau in Shanghai.Straße in Shanghai.Und Wäsche über den Stromleitungen (ob die dadurch wohl schneller trocken wird? 😉 ).Wäsche auf der StromleitungWäsche auf der Stromleitung (2) Das Panorama am weltberühmten Bund, der Uferpromenade im Zentrum der Stadt mit Blick auf den Fernsehturm und das Pudong Finanzzentrum (siehe Titelbild) – auch sehr schön anzusehen und typisch für Shanghai, aber ist es damit gleichzeitig auch typisch chinesisch?Der "Bund" von oben.Uferpromenade in Shanghai. Dazu kommen noch die vielen „Ausländer“, die üblichen großen internationalen Produktmarken und westliche Lebensmittel. Natürlich ist die überwiegende Bevölkerung dennoch chinesisch und logischerweise findet man auch allerorts chinesisches Essen (und soweit ich das beurteilen kann auch eine breite Auswahl verschiedenster Regionalküchen). Trotzdem fühlte ich mich weniger wie in einer chinesischen Stadt, als vielmehr wie in einer Weltstadt.
In Shanghai kommen auf Grund seiner Geschichte und wirtschaftlichen Bedeutung so viele verschiedene Kulturen, Religionen, Baustile, Menschen etc. zusammen, dass man fast unweigerlich von einem Schmelztiegel, oder in Anbetracht der unglaublichen Größe eher einem Schmelzbecken sprechen muss. Allerdings scheint der westliche Einfluss und möglicherweise auch die Orientierung am Westen dabei einer der stärksten Einflussfaktoren zu sein, denn diese bestimmen deutlich stärker als in anderen chinesischen Städten das Stadtbild, Lebensgefühl und Umfeld. Typisch chinesische Attraktionen gibt es zwar auch (beispielsweise der Yu Garten, diverse Tempel, der Stoffmarkt oder diverse Fake-Märkte), erscheinen jedoch wie Blasen, die in einem Meer aus moderner und westlicher Architektur schwimmen.

Yu Garten (1)
Yu Garten (1)
Yu Garten (2)
Yu Garten (2)

Dies ist vermutlich auch der Grund von Shanghais Beliebtheit bei Ausländern: Die Stadt erlaubt es, ein Leben fast so wie Daheim zu führen – inklusive all der Annehmlichkeiten und dem Bekannten. Bei Bedarf kann man sich aber auch an chinesischer Gartenkunst, fernöstlichen Speisen und chinesischem Flare erfreuen. Ich persönlich muss allerdings zugeben, dass mir diese mutmaßliche Symbiose nicht sonderlich zugesagt hat. Auf Grund der vielen Schwärmerei von Freunden hatte ich mir für den Trip vier Tage Zeit genommen. Bereits nach zwei Tagen fing ich jedoch an mich zu fragen, was ich die ganze Zeit über machen wollen würde, weshalb ich mich dann spontan für einen Tagesausflug nach Suzhou (die Stadt ist mit ihren vielen Kanälen auch als „Venedig des Ostens“ bekannt. Weiterhin zählen die hiesige Seidenproduktion und zahlreiche traditionelle Gärten, die zum Weltkulturerbe zählen, zu den Wahrzeichen der Stadt) entschied. Shanghai ist zweifellos eine sehr eindrucksvolle Stadt und selbst als Laie kann man hier auf architektonische Entdeckungsreise gehen (unten mal ein kleiner Auszug von verschiedenen Fassaden, die ich in Shanghai fotografiert habe).Shanghai Fassade (1)

Shanghai Fassade (2)
Shanghai Fassade (3)

Shanghai Fassade (4)Shanghai Fassade (5)Shanghai Fassade (6)Shanghai Fassade (7)Zudem bietet es besondere Einblicke in die jüngere Geschichte Chinas. Im Propagandamuseum kann man eine einmalige Sammlung kommerzieller und politischer Poster bewundern (sogar inklusive englischer Erläuterung. Kritische Kommentare zum Inhalt muss man sich allerdings selbst dazu denken) und auch wenn der Kommentar über die kleinen Gassen und Cafés fast schon kritisch klang, ist es dennoch sehr schön, sie zu haben. Denn so etwas findet man in dieser Form selten in China. Auf Dauer (selbst eine kurze) wäre es mir dann aber doch zu westlich, denn was habe ich davon in China zu wohnen, wenn es sich nicht so anfühlt? 😉

Zum Abschluss habe ich noch mehr Bilder, die ich euch natürlich nicht vorenthalten möchte. Für die nächsten paar Wochen habe ich außerdem ausnahmsweise mal eine Vertretung, was das Schreiben der Berichte angeht: Meine Mutter und Cousine sind vom 08. bis 17. Februar zu Besuch im Land der Mitte und es stehen Peking, Guilin, Chengdu, Leshan und Emeishan auf dem Programm, also lasst euch überraschen! 🙂

Hongqiao Bahnhof Shanghai
Nein, das ist kein Flughafenterminal, sondern die Haupthalle des Hongqiao Bahnhofs in Shanghai.
Nanjing Lu - Shanghais Shoppingstraße #1
Nanjing Lu – Shanghais Shoppingstraße #1

P1170365

Shanghai? Shanghai!
P1170566

P1170317P1170319

Auf frischer Tat ertappt!
Auf frischer Tat ertappt!
Kunstkritikerin.
Kunstkritikerin.
Shanghai Park
P1170349Links: Ein bisschen Central Park Feeling, in New York kann es sich auch nicht viel anders anfühlen, oder?
Rechts: Tradition + Moderne.

P1170556_stitchP1170550Yu YuanP1170648P1170690 - Kopie

Der Bund bei Nacht (1)
Der Bund bei Nacht (1)
Der Bund bei Nacht (2)
Der Bund bei Nacht (2)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.