Die letzten Wochen 2014 – #3

Wetter
Nach den nass-grauen und verregneten Monaten Oktober und November, gewinne ich meinen Glauben an Klimatabellen im Dezember so langsam wieder zurück! Fast täglich schien die Sonne und verwöhnte uns mit ihren wärmenden Strahlen, die ich in letzter Zeit gefühlt nur noch aus Filmen kannte.

Das Highlight war dann der 28. Dezember, der mich mit knalligen 17°C und strahlend blauem Himmel dazu verleitete, das Haus, obenherum lediglich mit einem T-Shirt bekleidet, zu verlassen. Einen Haken gibt es allerdings doch: Scheinbar ist in Chengdu im Frühling die Luftqualität mit Abstand am schlechtesten und das Ausmaß lässt sich jetzt schon erahnen. Trotz Sonnenschein und milden Temperaturen ist die Sicht immer häufiger erschreckend schlecht und die weißen Schwaden, die dann alles einhüllen, sind vermutlich alles andere als harmloser Nebel.

Aktuelle Luftverschmutzungswerte. Die Farben erklären sich vermutlich von selbst: Grün ist gesund, dann folgen gelb, orange, rot, violett und dunkelrot.
Aktuelle Luftverschmutzungswerte. Die Farben erklären sich vermutlich von selbst: Grün ist gesund, dann folgen gelb, orange, rot, violett und dunkelrot.

Kürzlich beim Mittag
Letztens hatte ich mal wieder Lust auf gebratene, saure Paprika und eins meiner neuen Lieblingsgemüse: Raps! (Ja, das wusste ich zugegebenermaßen bis vor kurzem auch noch nicht!) Vor dem Restaurant saßen vier Leute, von denen mir zwei als „Hausmeister“ in meiner Wohnanlage bekannt sind (In ihren weiß-blauen, trainingsanzugartigen Uniformen sind sie immer schon von weitem gut zu erkennen.) Ich wurde – wie immer – überschwänglich begrüßt und gleich mit an den Tisch eingeladen. Dann folgte – wieder einmal – die übliche Erklärung meinerseits, dass das sehr lieb sei, ich aber eben kein Fleisch und keinen Fisch mehr essen würde. Bevor ich dann wiederum gefragt wurde, wie ich denn dann so groß geworden sei. Mittlerweile habe ich mir dafür einen guten Spruch überlegt: statt zu sagen, dass ich früher auch Fleisch gegessen habe, kontere ich nun, indem ich sage: „Vermutlich ist genau das Grund, warum ich so groß werden konnte! Mir wurde auch so gleich eine Zigarette und etwas zu Trinken angeboten – die drei Herren tranken Reiswein, die Dame Bier – ich verneinte dankend, das musste an einem Dienstag gegen 1 Uhr dann eher doch nicht sein. Das Essen war wie immer sehr gut und auch wenn ich von der Konversation dank Dialekt nur wenig verstand, fühlte ich mich gut unterhalten. Dann allerdings geschah etwas, was mich dann doch ein biiiisschen angeekelt hat und was (verzeiht mir bitte die Klischee-Keule) eine Stimme in meinem Kopf sofort dazu bewog, „Das wäre dir in Taiwan nicht passiert!“, zu poltern. Das vielleicht dreijährige Mädchen am Tisch neben mir schnappte sich plötzlich ein paar Taschentücher und ging in die Hocke. Ich dachte erst, ihr wäre etwas heruntergefallen und sie würde sich nur bücken, um es aufzuheben. Falsch gedacht. Die Kleine fing munter an sich zu erleichtern und weder Oma, Mutter, noch eine der vier Personen an meinem Tisch schien sich daran oder an der Tatsache, dass sich plötzlich ein kleiner „Fluss“ unter dem Tisch seinen Weg in unsere Richtung bahnte, zu stören. Als einer der Kellner wenige Minuten darauf beim Servieren in die neu entstandene Pfütze trat, hatte ich dann keinen Hunger mehr. Glücklicherweise war ich schon fertig mit Essen. Vermutlich jeder, der schon einmal in China war, kann ein solches Erlebnis vorweisen. Dennoch irritiert es mich jedes Mal aufs Neue. Dazu rennen fast alle kleinen Kinder hier selbst im Winter mit sprichwörtlich aufgeschlitzten Hosen herum, die ihnen die Notdurft erleichtern sollen. Viele Traditionen und kulturelle Unterschiede fallen mir persönlich nicht einmal mehr auf oder ich fühle mich sehr wohl mit ihnen, aber dieser gehört zweifellos nicht dazu und ich hoffe sehr, dass er in naher Zukunft verschwinden wird! Ps.: Als ich fertig mit Essen war und bezahlen wollte, winkten alle meine Tischgenossen hab. Die Augenbrauen hochziehend schaute ich die beiden Hausmeister an, hatte ich doch extra darauf geachtet, dass keiner von ihnen während dem Essen aufsteht und für mich zahlen geht. Sie grinsten aber nur und nickten in Richtung von dem dritten, mir unbekannten Mann. Was ich damit sagen will: man sollte immer beide Seiten einer Medaille betrachten, denn die Tatsache, dass mir ein Wildfremder aus bloßer Sympathie und Nettigkeit das Mittagessen zahlt – das ist eine Tradition, mit der ich sehr gut leben kann!

Bauwahn in China und „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“
Im letzten Artikel hatte ich von diversen Löchern in der Straße vor unserer Haustür berichtet. Tatsächlich hat sich da in letzter Zeit einiges getan. Die Löcher wurden gesäubert, ummauert und sind jetzt stattdessen kleine Türmchen, die – ihr könnt es erraten – immer noch eher ein Hindernis als zu irgendetwas gut sind. Wenn es nach den örtlichen Behörden (oder von wem auch immer dieser Auftrag stammt) geht, ist der Platz vor unserer Community in Zukunft zudem generell nicht mehr als Straße gedacht. Im gleichen Zug mit den Türmen wurden nämlich einige Beton-Poller errichtet, die die Durchfahrt zumindest für Autos unmöglich machten. Dieser Zustand sollte aber nicht von langer Dauer sein. Zwei Tage später war einer der mittleren Poller in einer Nacht- und Nebelaktion einfach umgefahren worden und der Verkehr floss seitdem wieder in seinen gewohnten Bahnen. Das gleiche Spiel wiederholte sich wenige Tage darauf noch einmal – und dann noch einmal. Mit dem Unterschied, dass beim letzten Mal gleich drei Poller herausgerissen wurden; wahrscheinlich um endgültig klar zu machen, was man von diesen neuen Straßenplänen halte.Türmchen und Poller - die Überreste wurden einfach liegen gelassen. Eine andere amüsante Geschichte hat sich schon etwas eher abgespielt, thematisch passt sie aber trotzdem hier hin: Normalerweise müssen wir zunächst 50m von unserer Haustür bis zum nächsten Ausgang aus der Community zurücklegen. Im Erdgeschoss des Nebengebäudes gibt es eine, naja, wie will man es nennen… „Spielhalle“?! Auf jeden Fall ist es einer dieser kleinen Läden, den man hier überall findet und wo sich vornehmlich ältere Damen und Herren zum gemeinsamen Majiang zocken verabreden (um Geld, versteht sich natürlich. Ich habe mal Gerüchte gehört, dass der Einsatz für eine Runde á 8 Partien bei 100€ liegt! 😀 ). Auf jeden Fall hat dieser Laden zuuufälligerweise zwei Eingänge, einen in unsere Community und einen nach „draußen“. Also hatten wir uns, unserer Faulheit fröhnend, schnell angewöhnt diese kleine Abkürzung zu nutzen und direkt durch den Laden nach draußen zu spazieren. Das hat dem Besitzer allerdings scheinbar nicht so gefallen. Eines schönen Tages fanden wir den durch Durchgang nämlich plötzlich versperrt – von einer über 2,5m hohen, mit Glasscherben gespickten Mauer. Tja, so schnell kann es scheinbar gehen…Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Die Sache mit den gefüllten Teigtaschen
Seit einer Weile esse ich, wenn es mir die Zeit und meine Müdigkeit erlauben, zum Frühstück gefüllte Teigtaschen. Nicht etwa die kleinen, im Wasser gekochten, sondern große, dicke, gefüllte, im Dampf gegarte Teigtaschen, die jedem, der der chinesischen Sprache mächtig ist, als Baozi (包子) bekannt sein sollten. Der „Laden“ meiner Wahl, ist dabei kein Laden im eigentlichen Sinne, sondern ein lieber, aber etwas ulkiger Chinese mit seinem Karren und der schnellsten chinesischen Aussprache Sprache, die mir bekannt ist. Jeden Morgen steht er ungefähr zwischen 8 und 9 Uhr auf halbem Weg von meiner Wohnung zur Uni. Manchmal kommt er auch etwas eher, aber nicht häufig, denn das hat er nicht nötig. Kurz vor 9 ist er manchmal auch schon weg und falls nicht, wird man zumindest als Vegetarier höchstwahrscheinlich trotzdem wieder unbefriedigt von dannen ziehen. So, genug mit der Geheimniskrämerei: Die „Dinger“, die dieser Mann da verkauft, sind einfach mal der absolute Wahnsinn! Richtige Granaten! Oberlecker und mit Abstand die besten Baozi weit und breit und mit der Meinung bin ich scheinbar nicht allein, denn er schafft es wirklich immer seine gesamte Ladung in unter einer Stunde an den Mann oder die Frau zu bringen. Als Vegetarier stehe ich dabei natürlich besonders unter Konkurrenzdruck, denn nach halb 9 muss man schon sehr glücklich sein, wenigstens noch einen einzigen vegetarischen Baozi zu bekommen. Seit ich ihn das erste Mal gesehen habe, konnte er seinen Karren zudem bereits mehrfach „upgraden“. Angefangen hat es mit etwas, das wie ein Moped mit angebauter Ladefläche aussah. Darauf lag dann die dampfenden Köstlichkeit und fertig abgepackte Tee- und Sojamilch Becher, lediglich durch eine Decke vor der Kälte geschützt. Mittlerweile hat sein Gefährt offensichtlich ein paar Pferdestärken mehr unter der Haube und auf der offenen Ladefläche befinden sich nun drei Türme aus ineinander steckbaren Alu-Körben, in denen die Leckereien thronen.Der Baozi-Mann! :) Jetzt aber noch zwei kurze Geschichten, die mir kürzlich passiert sind:

1. Eines Morgens kam ich fröhlich angeradelt, fröhlich, weil ich zeitig da war und damit Gewissheit hatte, die gewünschte Zahl und Art meines Lieblingsfrühstücks zu erhalten. Da rief mir schon die Frau vom Wagen „nebenan“ zu (es sind meistens vier Wägen, einer verkauft eine Art frittierte Teigtaschen mit Fleischfüllung, einer die Baozi, einer frittierte Teigstangen (klingt auf Deutsch schlimmer, als es ist) und der vierte…? Ich habe keine Ahnung!), warum ich denn in letzter Zeit gar nicht gekommen und wo ich denn so lange gewesen sei und dass, wenn ich noch einmal so lange nicht vorbei schauen würde, der Baozi-Mann in Zukunft gar nicht mehr kommen würde!

🙁

Was für ein Schock! Sekunden später fing sie dann herzhaft an zu lachen. Puhh, Glück gehabt, war alles nur ein Scherz. Aber Ihr seht: ich bin schon ein wohlbekannter Stammkunde! 😎

2. Eines anderen schönen Tages war ich schon etwas spät dran. Ich hoffte natürlich dennoch noch einige meiner üblichen Bohnen-Baozi ergattern zu können. Doch dann die Schreckensnachricht: sie sind alle alle – und das schon um 8.17Uhr! Während meine Welt schon zu bröckeln begann, ich fieberhaft zu überlegen anfing, was ich denn auf die Schnelle sonst essen könne und falls dies erfolglos wäre, wie ich die nächsten 2,5 Stunden Unterricht überleben solle – setzte er nach (Die folgenden Übersetzungen sind frei nach mir und müssen nicht eins zu eins dem Gesagten entsprechen. Es kann daher vorkommen, dass gewisse Ausdrücke im Deutschen verändert worden sind, um die Erzählung authentischer zu gestalten und die Atmosphäre besser einfangen zu können.) „Ich hab‘ aber noch was Neues im Angebot. Nichts mit Bohnen, dafür aber mit Möhre! Aber vorsicht, die sind sau scharf!“ „Möhre?“, dachte ich mir. Na ja, warum nicht. „Ok, gib mir fünf!“ Drei Angestellte einer benachbarten Immobilien-Agentur hatten die ganze Zeit daneben gestanden und plötzlich aufgehorcht. Einer von ihnen hatte die Bestellung für die gesamte Gruppe übernommen und war gerade dabei zu bezahlen, als ihn sein Kollege unterbrach. „Boh, hast du das gehört?“. Der Dritte setzte nach „Hast du auch welche mit Möhre genommen?!“. „Nee“, gab der erste zurück. „Alter, ich will unbedingt welche mit Möhre essen! Chef („Laoban“ (老闆)), pack mal noch ’n paar mehr mit Möhre ein!!“ erwiderte sofort der Dritte. Das Ganze ging bestimmt noch länger so, aber die Zeit drückte und ich fuhr zum Unterricht. Zugegeben: die mit Möhre sind echt sauscharf, aber auch verdammt lecker! 🙂 Das soll’s „erst“ einmal gewesen sein. Sobald ich mit meiner letzten Prüfung und den verbleibenden fünf Hausarbeiten durch bin, habe ich dann auch endlich mal wieder etwas mehr Zeit, mich der teilweise dringend notwendigen Aktualisierung und Umgestaltung des Blogs zu widmen! Bis dahin hoffe ich, Ihr hattet viel Spaß beim Lesen und ich wünsche Euch allen noch einmal ein gesundes, neues Jahr! 🙂

(Unten geht’s zum vorherigen Teil! 🙂 )

Ein Gedanke zu „Die letzten Wochen 2014 – #3“

  1. Ich muss dich dringend mal an unseren Herd lassen, damit du uns die Dinger auch mal zubereitest. Mir läuft hier etwas das Wasser im Mund zusammen. Bis dahin kannst du ja mal versuchen das lokale Rezept dafür aufzutreiben oder ein ähnliches. Mal sehen, ob ich das hier nachgezaubert bekomme 🙂

    Beste Grüße Großer

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