„Die beste Quelle unter dem Himmel“

Man nehme einen nationalen Feiertag, füge einen glücklich erhaltenen freien Tag hinzu und addiere dies mit einem Wochenende – fertig ist die perfekte Gelegenheit für einen kurzen Ausflug. Im vergangenen Jahr hatte ich bei ähnlichen Gelegenheiten bereits einige, vornehmlich im chinesischen Südwesten gelegene Gebiete erkunden können. Mit dem Praktikum in Peking habe ich nun die Chance, auch den Osten und Nordosten besser kennenzulernen.

Jinan ist die Hauptstadt der ostchinesischen Provinz Shandong. Letzterer Name wird Chinareisenden mit Sicherheit ein Begriff sein – ersterer hingegen wohl eher nicht. Das mag daran liegen, dass sich die Stadt genau in der Mitte wahrer Tourismus-Hochburgen befindet und mit keinem vergleichbaren Angebot an Sehenswürdigkeiten aufwarten kann wie Peking und Tianjin im Norden, Qingdao im Osten und Nanjing, Shanghai und Hangzhou im Süden. Die meisten Leute, denen ich von meinem Plan erzählte, reagierten folglich etwas überrascht: „Jinan? Was willst du denn da?“. Allerdings tut man der Stadt damit Unrecht, denn die „Stadt der Quellen“, wie ihr chinesischer Rufname lautet, hat doch einiges zu bieten und besitzt darüber hinaus auch einen Vorteil gegenüber den besagten Touristenmagneten.

Wörtlich übersetzt bedeutet der Stadtname so viel wie „Südlich von Ji“, wobei mit Ji der Name eines Flusses gemeint ist, der seit über 150 Jahren nicht mehr in seiner ursprünglichen Form existiert: Im Jahre 1852 suchte sich der Gelbe Fluss ein neues Bett und schluckte den Ji dabei komplett. Was sich nicht geändert hat, ist das Vorhandensein besonders vieler Quellen in der Region. Allein im heutigen Stadtgebiet sind 72 von ihnen namentlich bekannt. Auf Grund dieser Besonderheit bedachte Kaiser Qianlong die Stadt einst mit dem im Titel genannten Ausruf. Der Segen der vielen Quellen, der Teilen der Innenstadt den Status AAAAA (die höchste Kategorie chinesischer Nationalparks und Sehenswürdigkeiten) und damit mehr Touristen beschert, besitzt allerdings auch seine Schattenseiten: Im Stadtgebiet leben heute über 4,5 Mio. Menschen, im gesamten Verwaltungsgebiet sind es mehr als 7 Mio., und dennoch gibt es keine einzige Metrolinie – etwas, das sehr untypisch für chinesische Großstädte ist und den Nahverkehr deutlich erschwert. Den Einheimischen zufolge befürchtet man, dass der Bau einer U-Bahn das Grundwasser zu sehr beeinflussen könne. Das wäre in der Tat problematisch, denn einige von Jinans Quellen, insbesondere deren bekanntester Vertreter, die Baotu Quelle, sind berühmt dafür, dass ihr Wasser einem Whirlpool gleich aus dem Boden schießt.
Sind die Quellen zunächst zwar ganz nett anschauen, konnten sie mich auf Dauer jedoch nicht im gleichen Maße begeistern wie die chinesischen Touristen. Ein simpler Grund dafür mag sein, dass viele Chinesen ihre Kinder mitbringen und Straßenhändler überall fleißig Wasserspritzpistolen sowie diversen Zubehör verkaufen. Den Rest könnt ihr euch denken. 😉
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Eine andere berühmte Szenerie Jinans ist der Daming Hu, ein großer See mitten im Zentrum der Stadt. Von Vergleichen mit Hangzhous West See empfehle ich allerdings abzusehen, da solche Erwartungen sicher enttäuscht werden. Bei meinem Besuch wurde zudem das Smog-Problem deutlich: Jinan gehört laut einer aktuellen Studie zu den zehn Städten mit der schlimmsten Luftverschmutzung weltweit. Die Luftwerte während meines Aufenthaltes waren zwar alles andere als gut, bewegten sich jedoch noch am unteren Ende der als „schädlich“ eingestuften Kategorien. Einen Hinweis darauf, wie es auch aussehen kann, erhielt ich am folgenden Tag: Eine Anwohnerin teilte mir freudig mit, was für ein Glück ich doch mit dem Wetter habe, und dass es schon seit einer Weile keinen so blauen Himmel mehr gegeben habe – na dann Prost Mahlzeit!p1240190_stitch

Soweit klingt mein Bericht sicher nicht sonderlich begeistert, doch ab jetzt geht es bergauf: Nach Besuch des Sees und einiger der bekannten Quellen, schlenderte ich zum Quancheng Plaza, dem zentralen Platz, wo abends kräftig getanzt, Sport getrieben etc. wird und machte mich auf den Heimweg. Unterwegs kam ich an zwei Straßen vorbei (streng genommen liegen sie parallel nebeneinander): Die erste erinnerte mich schlagartig an einen von Taiwans Nachtmärkten, die Yizhongjie in Taichung. Tausende Menschen, die sich durch schmale Gassen drängen und an dutzenden kleinen Läden Snacks und Getränke, aber auch diversen Krimskrams erwerben. Die zweite Straße vermittelt auf den ersten Blick zunächst ein genau gegenteiliges Bild: Ruhig, entspannt und gediegen. Links und rechts tauchen zwischen den Häusern immer wieder kleine Kanäle auf, die sich entlang der Straße zu einem kleinen Fluss verbinden. Dazwischen viele Cafés und Restaurants mit Sitzgelegenheiten im Freien; ein Musiker trommelt vor einem Eingang sitzend vor sich hin. Und während ich so vor mich hinschlendere, sehe ich Jinan plötzlich in einem anderen Licht und verstehe, was den „Locals“ an ihrer Stadt gefällt: Es ist die Art von Atmosphäre sowie der eigene Charakter: Irgendwie entspannter als andere Orte an der Ostküste, sich auch irgendwie seiner Schwierigkeiten bewusst und trotzdem optimistisch, das Beste draus zu machen.
Quancheng Plaza 1

Ich lache deshalb so, weil die beiden Mädels über meiner Schulter mir minutenlang gefolgt sind, um ein Foto mit mir schießen zu können. Am Ende haben sie sich aber nicht getraut, zu fragen.
Ich lache deshalb so, weil die beiden Mädels über meiner Schulter mir minutenlang gefolgt sind, um ein Foto mit mir schießen zu können. Am Ende haben sie sich aber nicht getraut zu fragen.

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Das gleiche kann ich über mein Hostel berichten, mit dem ich mal wieder einen absoluten Glücksgriff gelandet habe: Neu eröffnet, sauber (!) – und das nicht nur nach chinesischen Maßstäben, günstig und wahnsinnig nette Leute. Ich werde direkt eingeladen, am Abend gemeinsam zu kochen und in geselliger Runde einen zu trinken. Das ist insofern eine schöne Geste, als dass der Mittherbst beziehungsweise das Mondfest traditionell gemeinsam mit Freunden oder der Familie begangen wird und für die Chinesen folglich kein Tag ist, an dem man alleine sein sollte. Nach dem tollen Essen, das Yang Fudao, ein Gast aus Lanzhou, der „Nudelhauptstadt“ Chinas dann doch im Alleingang für uns gezaubert hatte, plaudern wir in unserer bunten Runde noch bis tief in die Nacht über Gott und die Welt. Auf Grund meiner Aufenthalte in Taiwan und Sichuan werde ich dabei spontan zum „Quoten-Südländer“ erklärt, denn die anderen Gäste stammen alle aus nördlichen Provinzen, namentlich Gansu, Shaanxi, Hebei und Shandong. Je länger der Abend wird, desto ausgelassener ist auch die Stimmung und just nachdem die dritte und letzte Flasche Baijiu geleert wurde, spendiert unser Gastgeber noch einen Kasten Bier. Irgendwann blicke ich vom Alkohol ermutigt frech in die Runde und frage nach einem Gegner für chinesisches Schach. Man verweist mich an den Hausherren, der ein 高手, ein wahrer Meister des Schachspiels sei. Dass er ein Meister ist, bezweifle ich etwas, eine ordentliche „Klatsche“ gibt es dennoch, vier Niederlagen und ein glorreich erkämpfter Sieg lautet am Ende meine Bilanz.

Warum auch immer, auf jeden Fall haben wir alle Bilder vom Essen, aber kein Gruppenfoto geschossen.. Rechts unter den Schüssel kann man auch schon das Schach"brett" sehen.
Warum auch immer, auf jeden Fall haben wir alle Bilder vom Essen, aber kein Gruppenfoto geschossen.. Rechts unter den Schüssel kann man auch schon das Schach“brett“ sehen.

Gegen halb eins am frühen Morgen mache ich mich dann endlich auf den Weg ins Bett. Mein ursprünglicher Plan hatte vorgesehen, um 6 Uhr bereits in einem Bus gen Süden zu sitzen und dann für die nächsten 36 Stunden keinen Schlaf mehr zu bekommen. Um jedoch die Chance zu wahren, diesen Wahnsinn tatsächlich durchzustehen, bin ich gnädig zu mir selbst und stelle den Wecker auf Viertel nach sieben.
Was dann geschieht, ob ich es rechtzeitig aus dem Bett schaffe, wohin die Reise geht und wieso ich mich bereitwillig derart schinde, das alles erfahrt ihr im nächsten Beitrag! 🙂

PS.: Noch ein kleiner „Fun Fact“ für die Kanuten und Schwaben unter euch: Ratet mal, mit welcher deutschen Stadt Jinan seit 2004 eine Partnerschaft pflegt? 😉

Es ist Augsburg!

Ein Gedanke zu „„Die beste Quelle unter dem Himmel““

  1. Ein sehr schöner Beitrag. Ich bin gespannt, ob du deinen Plan umsetzen konntest. 36h am Stück ist schon eine sportliche Herausforderung 😉

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