Bürokratie in China und neue Zukunftsplanung

Zum ersten Mal seit über einem halben Jahr kann ich guten Gewissens sagen, dass ich alle Dinge erledigt habe, die zu erledigen sind: Ich habe keine Hausarbeiten mehr, keine Visumangelegenheiten, die zu klären oder andere Dinge, die zu erledigen sind. Morgen geht es darum auch erst einmal in die wohlverdienten Ferien. Doch bevor es so weit ist, und weil ich mich schon wieder eine Weile nicht mehr hier gemeldet habe, wollte ich euch noch von meinen jüngsten Erfahrungen mit der chinesischen Bürokratie und dem unmittelbar bevorstehenden chinesischen Neujahr berichten.

Wie ihr euch bestimmt erinnert, hatte ich in einem meiner letzten Beiträge eine ominöse, potentielle Praktikumsstelle angesprochen. Jetzt kann ich ja mit der Sprache herausrücken: Es ging dabei um Siemens in Chengdu und es hat leider nicht geklappt. Allerdings auf Grund fehlender Kapazitäten in den von mir bevorzugten Bereichen und nicht etwa auf Grund mangelndes Interesses an mir. Außerdem möchte man gern in Kontakt bleiben – vielleicht ergibt sich ja in Zukunft noch einmal eine Gelegenheit! Durch die Absage musste ich allerdings einige Veränderungen an meiner Planung vornehmen: Mein aktuelles Visum läuft zum 22.2. aus. Davor möchte ich jedoch, wie schon gesagt, etwas Herumreisen und am 19. Februar ist auch schon Neujahr. Spätestens dann bewegt sich im chinesischen Verwaltungsapparat (und auch überall sonst im Lande) erst einmal nichts mehr, weshalb ich das Thema gern davor angehen wollte (und auch musste). Selbst jetzt haben die meisten der Restaurants in Campusnähe schon geschlossen und täglich kommen weitere hinzu (Viele Restaurant- und Ladenbesitzer hier kommen ursprünglich nicht aus Wenjiang und leben vor allem von den Ausgaben der Studenten. Da jene bereits in den Ferien sind, macht man es ihnen gleich, schließt die Läden und fährt bis März Heim.)

Welche Alternativen blieben mir also für mein Visum?

1. In kürzester Zeit eine neue Praktikumsstelle zu finden und nach Erhalt der erforderlichen Unterlagen ein Arbeitsvisum zu beantragen und loszulegen.

2. Vor Ablauf meines Visums nach Hongkong auszureisen, dort und vielleicht noch in Taiwan oder irgendwo anders, wo ich zur Einreise kein Visum brauche, Urlaub zu machen, mir in HK ein Besuchervisum ausstellen zu lassen und wieder nach China einzureisen. Nach 30 Tagen erneut auszureisen und das Spiel wieder von Vorn zu beginnen – bis Juni.

3. Zurück auf die Schulbank – sich für das folgende Semester zu Chinesisch Kursen an meiner Uni anzumelden und damit mein Studentenvisum verlängern zu dürfen.

Nach einigem Hin und Her entschied ich mich für Option 3, ganz einfach weil es die aus meiner Sicht unkomplizierteste und Kosten-Nutzen-technisch beste Lösung war und ich ja ohnehin geplant hatte, während meines Auslandsjahres weitere Sprachkurse zu belegen. Ab dem 1. März werde ich darum wieder Chinesisch Stunden nehmen. Allerdings geht das Semester bis Anfang Juli und mein Praktikum beginnt bereits im Juni. Damit ich trotzdem erfolgreich an den Prüfungen teilnehmen kann, werde ich wohl nicht umhin kommen, mir einen Teil des Stoffs bereits im Voraus beziehungsweise per Selbststudium neben dem Praktikum anzueignen. Trotzdem freue ich mich auf die Herausforderung und die Chance, mein Chinesisch weiter verbessern zu können! Dabei kommt mir zugute, dass der Unterricht hier anders aufgeteilt ist, als es vor drei Jahren in Taiwan der Fall war: Der erste Block setzt sich zusammen aus Mündlichem und der Aussprache, der zweite aus Grammatik und Schriftsprache. Insbesondere der zweite Teil ist damit für mich interessant, denn dabei geht es nicht, wie der Name vermuten lassen könnte, bloß um die Schriftzeichen, sondern um den schriftlichen Ausdruck. Im Chinesischen ist der Unterschied zwischen Geschriebenem und Gesprochenem deutlich gravierender als im Deutschen. Im mündlichen Bereich kann ich mich auf Grund meiner großen Erfahrungen und Kenntnisse des Umgangssprachlichen in der Regel zwar ziemlich gut ausdrücken, im schriftlichen Bereich würde ich mich aber bestenfalls auf Grundschul-Niveau einordnen. Als ich das Thema ansprach, hieß es, dass ich in beiden Blöcken natürlich auch unterschiedliche Level belegen könne – darum bin ich schon sehr gespannt, wie das alles letztlich so wird!

Doch zunächst stand ja noch eine wichtige juristische Angelegenheit an: Mein Visum! Dazu ging es zunächst zur Polizei, eine Meldebescheinigung einholen. Was eigentlich ein formaler Lapsus sein sollte, entpuppte sich allerdings als eine Reihe mehr oder weniger großer Ärgernisse:

Vermutlich auf Grund deutscher Gewissenhaftigkeit hatte ich im Vorfeld extra noch einmal nachgelesen, welche Dokumente erforderlich sind, diese dann schön vorbereitet und wortlos der Beamtin im Revier überreicht. Jene eröffnete mir jedoch nach nicht einmal 3 Sekunden und lediglich einem kurzen Blick auf die erste Seite meines Mietvertrages: „Nicht unser Zuständigkeitsbereich.“ Total verdutzt fragte ich, wie das denn sein könne. Weder mein Mitbewohner (Alex), noch ein anderer der Kommilitonen, die ihr Visum verlängert hatten, war bei dem Prozedere in jener Station auf irgendwelche Probleme gestoßen. Daraufhin zuckte sie lediglich mit den Achseln und meinte, dass die bestimmt alle im Wohnheim der Uni leben würden und dass man für jenes schon, für meine Adresse aber eben nicht zuständig sei. Ich hakte noch einmal nach: „Mein MITBEWOHNER war vor ein paar Wochen hier und hat die Bescheinigung auch bekommen.“ Wieder nur Schulterzucken und Kopfschütteln. Kaum vor der Tür, rief ich eine Freundin an, die bei der internationalen Studentenassoziation tätig ist und darum einige meiner Kommilitonen bei ihrer Verlängerung betreut hatte. Sie wirkte zunächst auch etwas verblüfft, bevor sie dann sagte: „Warum hast du ihr überhaupt deinen Mietvertrag gezeigt, hat sie etwa danach gefragt?“ – „Nein, aber ich dachte, den muss man vorlegen, sonst macht es doch überhaupt keinen Sinn, oder!?“ Dabei fiel mir ein, dass auch Alex nach seinem Polizeibesuch verkündet hatte: „Ging ganz schnell und die wollten nicht einmal den Mietvertrag sehen!“ Die Freundin fuhr fort: „Der Einfachheit halber hat euch die Uni alle als Wohnheimbewohner angemeldet, sonst hätte man zu X-unterschiedlichen Polizeistationen rennen müssen und es wäre einfach total aufwendig geworden. Warte einfach mal kurz, ich rufe da jetzt an und versuche das zu klären.“

Aha, die Uni hat uns also alle auf die gleiche, nämlich ihre eigene Adresse gemeldet. Ich persönlich habe kein Problem damit, es ist aber nun einmal nicht rechtens und da die Polizei nunmehr Kenntnis davon hatte, durfte sie mir natürlich auch nicht das entsprechende Dokument ausstellen. (Trotz allem Betteln und Flehen, und dass ich ja eh bald in die Innenstadt umziehen würde und mich dort ohnehin noch einmal ummelden müsse – keine Chance). Also ließ ich mir die Adresse von der für mich zuständigen Station geben und radelte los. Mittlerweile war ein Großteil des Vormittags schon vorüber und ich bekam leichte Zweifel daran, das Visum noch am gleichen Tag beantragen zu können. Angekommen hieß es dann: Station #2, Versuch #2. Der Unterschied zwischen beiden Stationen war vielleicht nicht zu sehen, dafür aber sofort zu hören, denn kein einziger Beamter war in der Lage Mandarin zu sprechen. Der lokale Dialekt war dafür aber umso ausgeprägter.

„Was willst du? Visum, hm? Da musst du da und da hin, Raum so und so.“ Ich folgte der Anweisung und fand mich in einem großen, spärlich eingerichteten Raum gegenüber des Beamten Li wieder. „Visum? Meldebescheinigung? Einen Augenblick, geht gleich los.“ – „Alles klar, ich warte.“ Kurz darauf kam einer seiner Kollegen in den Raum. Ich weiß nicht, ob er neugierig war, etwas mit Li zu klären hatte oder einfach nur zufällig vorbeigekommen war. Auf jeden Fall geschah, was häufig in solchen Situationen passiert und er fing er an, mit mir zu plaudern. Was ich hier so mache (Studium), an welche Uni ich denn gehe (Universität für Finanzen Südwestchinas), wo ich so gut Chinesisch gelernt habe (Taiwan), dass sie ja letzte Woche erst „irgendwelche Schwarzen aus Afrika (sic!)“ dagehabt haben und dass die ja nur Englisch gesprochen haben und wie schwierig das gewesen sei, wo ich denn überhaupt herkomme (Deutschland), was Deutschland ja für ein tolles Land sei, wie gern er doch mal da hinfahren würde, wo ich denn genau herkomme (aus einer Laune heraus entschied ich mich jenes Mal gegen Dresden und für Leipzig). „Oh, Leipzig, da gibt’s doch diesen weltberühmten Chor, wie heißen die gleich… Tho… ?“ – „Thomaner?“ – „Ja, genau die! Herrliche Musik!“ Vermutlich auf Grund meines verdutzten Blickes fügte er dann noch hinzu: „Also die muss man doch schon kennen, oder?“

Nicht schlecht Herr Specht, da habe ich erst einmal nicht schlecht geguckt. Ein einfacher Polizist aus der chinesischen Provinz, den ich auf Grund seiner brutalen Aussprache kaum verstehen konnte, kennt die Thomaner – das hatte ich ja nun nicht gerade erwartet (zumal vermutlich nicht einmal jeder Deutsche den Chor kennt. Wenn überhaupt hatte ich von dem Polizisten eher eine Assoziation in Richtung Bach erwartet).

Der Small-Talk war allerdings nicht von langer Dauer, weshalb sich das darauf folgende Warten umso länger hinziehen sollte. 10, 20, 30 Minuten… Nach einer ¾ Stunde wandte sich Li plötzlich wieder mir zu: „*Seuf* Warum kommst du eigentlich auch erst so spät, jetzt ist gleich Mittagspause und ich habe heute noch überhaupt nichts essen können (soll wohl heißen, er wollte eher Schluss machen). Warum kommst du nicht einfach am Nachmittag (in Sichuan halten viele Leute nach dem Essen gern noch ein Mittagsschläfchen) oder nächste Woche (es war Freitag) wieder?“ Ich erklärte ihm kurz meine Situation, dass es ja überhaupt nicht mein Verschulden sei und ich gern noch am gleichen Tag mein Visum beantragen wolle. Immer noch etwas widerwillig, aber dennoch zustimmend setzte er sich in Bewegung. Zehn Minuten später war das Dokument fertig ausgedruckt und ich schon guter Dinge, doch dann kam der Haken: „Jetzt fehlt nur noch ein Stempel, dann passt alles.“ An der Rezeption erkundigten wir uns nach dem „Stempel-Befugten“, der – so erhielten wir als Antwort – sei jedoch gerade außer Haus. Li zückte sein Handy und verschwand daraufhin. Fünf Minuten später betrat ein Mensch in Zivilkleidung den Eingangsbereich der Station und sagte zu den dortigen Beamten, dass sich gerade irgendwer nach ihm erkundigt habe. Glück gehabt? Fehlanzeige. Li tauchte kurz darauf ebenfalls wieder auf (er war auf Toilette gewesen – mit meinem Dokument) und meinte lasch, dass er denjenigen nicht habe erreichen können und dass mir jetzt wohl wirklich nichts anderes übrig bleiben würde, als am Nachmittag oder in der folgenden Woche wiederzukommen. Zum Abschied drückte er mir mein unfertiges Dokument in die Hand. (Dort wo er es angefasst hatte, war es leicht feucht). Unverrichteter Dinge und mit grimmiger Miene machte ich mich auf den Rückweg. Blödes Visum. Blöder Stempel. Blödes Klo…

…Am späten Nachmittag des gleichen Tages kam ich wieder. Gleiches Spiel. An der Rezeption: „Ist er da?“ – „Tut uns leid, gerade weg.“ Doch als ich innerlich schon fluchte, dass ich nicht etwas eher wiedergekommen war, tippte mir jemand auf die Schulter, zeigte hinter mich und sagte, dass ich wohl Glück habe. Na, könnt ihr erraten, warum er noch nicht gegangen war?

Gut gemacht Klo, damit sind wir wieder wett! 😉

Drei Tage später – ausgestattet mit meiner Meldebescheinigung und dem fest entschlossenen Willen, endlich mein Visum zu verlängern – fuhr ich dann in die Innenstadt. An der Uni lief alles reibungslos und zügig ab, weshalb es noch vor dem Mittag weiter zur Ein- und Ausreisebehörde ging. Dort kam es allerdings zu einem weiteren ziemlich unbehaglichen „Zwischenfall“, von dem ich euch gern erzählen möchte:

Stellt euch vor, ihr sitzt in einer staatlichen Behörde, auf Augenhöhe eine Kamera und dahinter ein Beamter. Ihr überreicht euren Pass, der Beamte schlägt ihn auf, hält inne, dreht sich zu seinem Vorgesetzten, fängt an zu flüstern und zeigt auf die vorliegende Seite. Zufälligerweise habt ihr erhaschen können, um welche Seite es geht: euer erstes Taiwan Visum.

Denn genau das ist mir passiert.Wenngleich obwohl ich wusste, dass ich nichts verbrochen hatte, fühlte ich mich natürlich auf einmal sehr nervös, alarmiert und fast schon kriminalisiert. Handelte es sich lediglich um ein Standardvorgehen, gab es irgendein Problem? Was, wenn mir das Visum entzogen, ich des Landes verwiesen oder gar noch irgendetwas vorgeworfen werden würde? Chinas Justiz genießt schließlich nicht gerade den Ruf, ein Vertreter der Unschuldsvermutung zu sein.

Nach seiner kurzen Unterredung wandte sich der Beamte wieder mir zu. Er lächelte freundlich und stellte fest, dass ich zuvor auf Taiwan Chinesisch studiert habe. Ich bejahte. Warum ich denn nun auch noch einmal auf dem Festland Mandarin studieren wolle, setzte er fort. Wieso denn nicht, an einer Sprache kann man schließlich immer noch etwas verbessern und überhaupt, sei es in meiner aktuellen Situation einfach das sinnvollste um die Zeit bis zu meinem Praktikum zu überbrücken, entgegnete ich. Ich wisse aber schon, dass sich das Mandarin auf Taiwan und dem Festland unterscheide, war seine nächste Frage. Das sei mir bewusst, zumal ich ja bereits ein Semester in Chengdu studiert habe und darüber hinaus sowohl Lang- als auch Kurzschriftzeichen lesen könne, lautete meine Antwort. Und weil Kurzschriftzeichen natürlich wesentlich verbreiteter und damit nützlicher sein, hakte er nach. Vermutlich schon, China ist schließlich das bevölkerungsreichste Land der Erde, schloss ich. Nach einem letzten abschätzenden Blick nickte er dann, gab mir die vorläufig meinen Pass ersetzende Bescheinigung und sagte, dass ich zum Bezahlen nach nebenan gehen dürfe.

Ihr könnt euch bestimmt vorstellen, was für ein erleichterter Seufzer mir auf der Schwelle nach draußen entfuhr. Gleichzeitig muss ich sagen, dass mich die gesamte Situation sehr überrascht hat. Hier ging es schließlich nicht darum, dass ich mich etwa irgendwie politisch geäußert habe, sondern lediglich um die Tatsache, dass in meinem Pass mehrere taiwanische Visa kleben.

Ich bin hier, um zu studieren und weil ich mir eine Meinung über China bilden will, die nicht nur auf Hörensagen und dem vermeintlichen Mainstream der Medien, sondern vor allem auf persönlichen Erfahrungen basiert. Man kann über China viele Meinungen haben. Allerdings fällt es mit selbst noch so positiven Erfahrungen schwer, den bitteren Beigeschmack zu vergessen, den Aktionen, wie die oben beschriebene, hinterlassen. Das finde ich sehr schade. Auf der anderen Seite sind es diese Ereignisse, die einem die viele Privilegien verdeutlichen, die man als Deutscher genießt und die man für ganz normal hält. Die Möglichkeit, sich frei äußern und bewegen zu können, sollte für einen jeden Menschen selbstverständlich sein – ist es allerdings leider nicht.

PS: Das Titelbild ist der große Stein-Mao Chengdus, zu dem ich es bei der Gelegenheit endlich einmal geschafft habe (was etwas peinlich ist, wenn man bereits seit über 5 Monaten hier wohnt).

Ein Gedanke zu „Bürokratie in China und neue Zukunftsplanung“

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