Besuch im Erdbeben Museum

921 ErdbebenAm 21. September 1999 wurde Taiwan vom zweitstärksten Erdbeben seiner Geschichte heimgesucht. Besagtes Erdbeben ist heute unter dem Namen 921 Erdbeben oder Jiji-Erdbeben bekannt. Das Epizentrum des Bebens lag ziemlich genau im Zentrum der Insel und hatte mit fast 2.500 Toten, rund 11.000 Verletzten und einem Schaden von umgerechnet rund 10 Mrd. US$ auf der gesamten Insel verheerende Auswirkungen.

Um sich die Auswirkungen der Katastrophe stets vergegenwärtigen zu können, und auch um Fehler der damaligen Zeit aufzuzeigen, wurde von 2003 bis 2007 ein nationales Museum eingerichtet. Und genau dieses Museum war das Ziel meines heutigen Klassenausflugs.

Ich gebe zu, der größte Anreiz für mich dort hinzugehen, war eindeutig die Aussicht auf den „Erdbeben-Raum“, in welchem man sich selbst ein Bild davon machen kann, was es heißt ein Erdbeben zu erleben. 😉 Letztlich waren es dann aber doch mehr die Bilder und Ruinen des Unglücks, welche für mich zum interessantesten Teil der Ausstellung wurden. Aber dazu später mehr!

Stabilisiertes KlassenzimmerZunächst solltet ihr wohl erst einmal etwas über die Situation des Museums erfahren. Diese ist nämlich recht besonders, da das ganze Areal auf dem ehemaligen Gelände einer weiterführenden Schule liegt. Zur Zeit der Katastrophe bestand eine Koalition zwischen besagter Schule und der benachbarten Grundschule. Allerdings geschah es, dass einer der Risse, die das Beben quer durch Taiwan zog, genau durch das Gelände und einen Teil der Gebäude der weiterführenden Schule verliefen, und diese dadurch auf der einen Seite des Risses um bis zu 2m angehoben wurden.

Zerstörtes Gebäude der ehemaligen SchuleDie Grundschule steht heute noch unbeschadet neben dem Museum, die betroffene Schule allerdings wurde vollständig zerstört. Die Besonderheit des Museums besteht aber darin, dass man die zerstörten Gebäude nicht abgerissen, sondern so stabilisiert hat, dass die Ruinen Wind, Wetter und neuen Erdbeben trotzen, und somit für die Nachwelt zur Ansicht erhalten bleiben. Im Museum selbst gibt es viele Experimente, in denen man selbst ausprobieren und erfahren kann, welche Auswirkungen denn spezielle Bauweisen – oder eben das vernachlässigen dieser, auf Gebäude und Menschen im Falle eines Erdbebens haben. Dabei trat bei manchen Studenten (*hust* wie z.B. mir und der neuen indischen Mitschülerin 😉 ) auch ein Spieltrieb wie zu Kinderzeiten zu Tage, und man versuchte sich selbst als Architekt, und baute Gebäude nach den eigenen, nicht vorgegebenen, kreativen Maßstäben, und setzte dieser dann der rohen Gewalt von selbst ausgelösten Erdbeben aus.

Unsere neue indische MitschülerinKurz vor Mittag saß ich dann auch endlich im zunächst geglaubten Highlight: dem Erdbebensimulator. Der Raum gleicht einer Mischung aus Gummizelle und Kindergartentagesstätte, was im Klartext heißt: gummierter, weicher Fußboden mit knubbligen in den Boden eingelassenen Sitzmöglichkeiten, und Regalen mit Kinderbüchern an den Wänden.

Vor einem lief dann das normale Tagesgeschehen des Katastrophen-Tages in einem Kurzfilm ab, während dann „in der Nacht“ das Beben einsetzte. Das Gefühl an sich, glich eher den kleineren Beben, die ich hier selbst schon erlebt habe, und war nicht soo sonderlich stark, die originalen Bildsequenzen und das angeeignete Hintergrundwissen sorgten aber schon für ein mulmiges Gefühl in der Magen Gegend, denn was ich hier als Spaß abtat, hatte damals tausende Menschen das Leben gekostet.
Meine Lehrerin, die das Erdbeben noch als Studentin in ihrer Uni, welche in unmittelbarer Nähe zum Epizentrum liegt, erlebt hat, erklärte uns außerdem, dass uns durch die Polsterung und die runden Sitzmöglichkeiten das Beben wesentlich schwächer vorgekommen sein muss, als sie es damals selbst erlebt hat. Auch eine ernüchternde Erkenntnis.

Unsere neue indische MitschülerinIm Anschluss sahen wir noch zwei kurze 3D Filme. Der erste war ein animierter Kurzfilm, welcher den Missbrauch von Atomenergie thematisierte, und als einzige Alternative zu unserem Überleben den Gebrauch erneuerbarer Energien nannte. (Wie passend, war das doch erst das Thema meiner letzten großen Präsentation gewesen! 😉 ) Der zweite Film unterstrich dies noch einmal sehr deutlich, denn es war eine Dokumentation über einen der stärksten Taifune in der Geschichte Taiwans. Durch starke Regenfälle waren die Berghänge sehr instabil, und bei einem gewaltigen Erdrutsch wurde mit einem Schlag ein gesamtes Dorf mit seinen Einwohnern ausgelöscht und von der Landkarte radiert. Beim Anblick solcher Bilder realisiert man dann auch erst einmal, dass die Selbstverständlichkeit mit der man das Fehlen derartiger Naturkatastrophen in Zentraleuropa betrachtet, eigentlich eher ein nicht enden wollendes Glücksgefühl und Dankbarkeit sein sollte.

Zum Abschluss gab es dann noch eine erneute Rundführung durch das Museum. Hier ging es dann nicht mehr sonderlich spannend zu, hatte doch jeder den Vormittag schon ausführlichst genutzt sich alles anzuschauen und auszuprobieren. Dementsprechend sah man hier vor allem müde Gesichter. Am interessantesten war hier vielleicht noch die Erläuterung zu einem großen Erdhaufen im Foyer des Museums, dessen Info-Tafel ich mir aus Faulheit zuvor nicht durchgelesen hatte. Dabei ging es darum, dass man nach dem Erdbeben in dem Riss vier verschiedene Erdschichten sehen konnte. Während die erste bis dritte nicht sonderlich spannend, und für Erdbeben auch nicht untypisch waren, war die vierte Schicht jedoch eine, die man normalerweise erst 200-400 Meter unter dem Meeresspiegel findet. Das, so sagte die Führerin, hatte die Forscher damals sehr verwundert. Da die verschiedenen Sedimentschichten in einer Art „S“-Kurve verlaufen, welche die Anhebung der Erdmassen durch das Beben nachvollziehen lässt, gingen die Forscher davon aus, dass man auf der nicht angehobenen Seite des „S“ unter der Erdoberfläche ebenfalls auf derartige Erdschichten stoßen müsste. Nachdem man mit Messungen bis in über 150m Tiefe keinen Erfolg hatte, stellte man die Suche ein.
Letztlich zeigt das, welche enormen Kräfte ständig an der Grenze dieser beiden Platten wirken, um Material aus diesen Tiefen über einen langen Zeitraum bis an die Oberfläche zu holen.

Ich könnte das hier sicher auch noch fortführen, allerdings bezweifle ich, dass sich unter unseren Lesern sonderlich viele befinden, die einen Faible für Plattentektonik und deren Folgen haben. Darum beende ich diesen Artikel hier, in der Hoffnung dass ihr auch etwas daraus für euch mitnehmt. Sei es nun neues Wissen zum prahlen bei der passenden Gelegenheit, der Gedanke verantwortungsvoller mit unserer Erde umzugehen, um solche Katastrophen nicht noch zu begünstigen, oder aber einfach ein bisschen mehr Dankbarkeit über das sichere Leben, was die meisten von uns in Europa führen können. Wer bis hierhin durchgehalten hat, den belohne ich natürlich auch noch mit den Bildern des Ausflugs! 🙂

Ps.: Wie immer sind in dem Album natürlich auch ein paar themenunrelevante Dinge gelandet, die mir spontan vor die Linse kamen 🙂

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