Alle Jahre wieder…

…kommt das Christuskind. In Deutschland und anderen Ländern der westlichen Hemisphäre zumindest. In China gibt es zu dieser Jahreszeit ein anderes Phänomen: Dichter Smog hüllt den Norden des Landes ein und hält die Menschen in Geiselhaft. So auch in den letzten Tagen, wie unter anderem die Tagesschau berichtet hat. Für viele Deutsche ist so etwas unvorstellbar, zu diesem Schluss lassen mich zumindest die Reaktionen aus meinem Umfeld und persönliche Erfahrungen kommen. Für Chinesen und Ausländer, die schon längere Zeit hier verbracht haben, ist der Smog Teil des Alltags und niemand käme auch nur auf die Idee, sich über die speziellen Luftfilteranlagen in vielen Büros oder an Tagen mit schlechter Luftqualität über die vielen Maskenträger auf der Straße zu wundern. Doch wie kommt es überhaupt jeden Winter in Nordchina zu solch starkem Smog?

Das obige Bild ist übrigens das Deckblatt meiner Bachelorarbeit und vor 1,5 Jahren in Chengdu entstanden. Die Stadt liegt zwar im Südwesten des Landes, hat aber auch ein Smog-Problem. Aber zunächst noch einmal die Grundlagen: Smog ist ein Kofferwort aus Smoke und Fog und eine Art der Luftverschmutzung, die vielfältige Auslöser haben kann. Bestandteile können etwa Kohlenstoffmonoxid, Ozon, Stick- und Schwefeloxide und Feinstaub (hier insbesondere PM2,5 und PM10, also Partikel mit einem Durchmesser im Mikrometer Bereich) sein. Angegeben wird die Luftqualität mit dem sogenannten AQI (Air Quality Index), der sich aus der Luftbelastung der im vorangehenden Satz genannten Bestandteile zusammensetzt. In China veröffentlicht das Umweltministerium seit 2013 die Daten zahlreicher Städte und Touristendestinationen in Echtzeit, wer sich das einmal anschauen möchte, findet zum Beispiel die Daten für Peking hier.

Jeweils ein Blick aus meinem Büro, an einem schönen Tag Ende September,…
… und Mitte November.

Die Gründe, warum Smog in China vor allem im Norden (bzw. Zentralchina) und in den Wintermonaten auftritt, sind vielfältig: Bedeutende Produktionszentren, Kraftwerke und Kohleförderstellen befinden sich hier. Im Vergleich zu südlicheren Gefilden ist die Vegetation deutlich spärlicher, was einem schwächeren Luftfilter gleichkommt. Zahlreiche Megastädte beherbergen hier auf vergleichsweise engem Raum hunderte Millionen von Menschen und allein in Peking gibt es rund 5,6 Millionen Autos (zum Vergleich, 2016 waren in ganz Deutschland 45 Millionen Pkw gemeldet). Dass der Smog im Winter besonders stark ist, hat vor allem zwei Gründe: Der naheliegende ist die Heizung, die vor allem mit Kohle befeuert wird. Der weniger naheliegende hängt mit der Landwirtschaft zusammen: In China ist es nach wie vor üblich, Stoppelfelder abzubrennen. Für Städte wie Peking oder Chengdu kommen noch geografische Nachteile wie eine Kessellage hinzu.

Zur besseren Veranschaulichung des Smogs/Feinstaubs – dieses Bild habe ich beim Wechseln meines Luftfilters geschossen.

Die Auswirkungen des Smogs sind verheerend. Laut einer Studie der WHO aus dem Jahre 2012 sind 3 Millionen Todesfälle jährlich auf Luftverschmutzung im Außenbereich (und weitere 3,5 Millionen auf Luftverschmutzung im Innenbereich) zurückzuführen. In absoluten Zahlen hält China in dieser Kategorie mit einem Anteil von über 33% den traurigen Spitzenplatz inne.

Wie ist die aktuelle Lage? Donnerstagnachmittag erhielt ich folgende SMS: „Unsere Stadt hat auf Grund schwerer Luftverschmutzung Alarmstufe Rot verhängt: Zwischen dem 16.12. 20 Uhr und dem 21.12. ist die Nutzung von Fahrzeugen der Schadstoffausstoßklasse I und II verboten. Fahrzeuge der Klasse III und höher mit geraden Kennzeichennummern dürfen betrieben werden. Betriebe und Institutionen sind aufgerufen, ihre Arbeit der Situation entsprechend anzupassen und Spitzenauslastung zu verringern, Ausgleichstage oder Home-Office Möglichkeiten gewähren, Grund- und Mittelschulen (1. bis einschließlich 9. Klassen) greifen auf flexible Unterrichtsmethoden zurück oder setzen den Unterricht aus sowie die Durchführung weiterer Schutzmaßnahmen. Alle Stadtbewohner bereiten bitte entsprechende Gesundheitsschutzmaßnahmen vor.“


Die Ankunft des Smogs zum Beginn der Alarmstufe Rot. Dieser Zeitraffer geschah wohlgemerkt in nur 20 Minuten.

Was bedeutet Alarmstufe Rot? Das chinesische Warnsystem wurde 2013 reformiert und die vier Stufen Rot, Orange, Gelb und Blau eingeführt. Ob beziehungsweise welche Stufe verhängt wird, hängt von den Faktoren Sichtweite, Luftfeuchtigkeit, Feinstaubbelastung (PM2.5) und voraussichtlicher Dauer der Feinstaubbelastung ab. Beispielsweise muss für Alarmstufe Rot die Sicht unter 1.000m liegen, eine relative Luftfeuchte von weniger als 80% gegeben sein (Warum? Bei einer hohen Luftfeuchtigkeit kann eine Beeinträchtigung der Sicht vor allem durch Nebel als durch Smog und Verunreinigung bedingt sein) und der Wert des AQI entweder einen Tag lang über 500, zwei Tage über 300 oder vier Tage über 200 liegen. Genauere Infos zum Nachlesen auch für die anderen Stufen findet ihr hier. Wer sich wundert, warum die Angaben zum AQI dort anders sind: Die Grenzwerte wurden dieses Jahr geändert. Noch ein interessanter Fakt: Tatsächlich war es das erste Mal, dass ein roter Alarm im Vorfeld angekündigt wurde. 2015, als die Stufe erstmals verhängt wurde, geschah es jeweils aus der Situation heraus.

Wer sich nun wundert, wie ich mich freiwillig so etwas aussetzen kann, dem muss ich leider sagen: Luftverschmutzung ist auch in der westlichen Welt ein Thema. In Deutschland waren im Jahr 2013 einer Studie zu Folge 3.500 vorzeitige Todesfälle die Folge von Luftverschmutzung. Natürlich mag dies in keinem Vergleich zu China stehen. Ignorieren sollte man das Thema dennoch nicht, denn jeder kann sich mit seinen Konsumgütern auseinandersetzen und so seinen Teil dazu beitragen, die Verschmutzung zu verringern.

Nachtrag 07.01.2017: Über Weihnachten und Silvester war ich glücklicherweise in Chinas Südwesten unterwegs und konnte dem Smog damit für ein paar Tage entfliehen. In der Zwischenzeit verhängten Peking und zahlreiche andere Städte erneut die höchste Alarmstufe, seit meiner Rückkehr in die Hauptstadt am 02.01. herrscht „nur noch“ Alarmstufe Orange, ein Ende ist leider noch nicht in Sicht. In den vergangen 30 Tagen lag Pekings AQI im Schnitt bei 195 und am Mittwoch warnte das Wetterbüro der Stadt: „[…] Natürlich empfehlen wir allen weiterhin, möglichst wenig Zeit im Freien zu verbringen, der Schnee ist sehr, sehr, sehr dreckig! [sic!]“

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