Abschied von Russland – Versuch eines Fazits

Und da fliegt er schon wieder…
Wahnsinn, 2 ½ Wochen Russland schon wieder vorbei (aber zum Glück geht das Abenteuer ja noch ein Weilchen weiter 😉 )! Nach den vielen Bildern im letzten Post, gibt es heute wieder was zum Lesen, denn ich möchte euch natürlich versuchen mitzuteilen, wie das hier alles so war, was mir aufgefallen ist, was mir gut und was weniger gut gefallen hat…

Architektur

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Vielleicht nicht gerade eine Augenweide, aber doch irgendwie besonders. Man merkt Krasnojarsk an, dass es in Sibirien liegt, dass man schnell vielen Menschen Wohnraum geben wollte und dass es in sehr kurzer Zeit sehr stark gewachsen ist. In der Innenstadt wechseln sich teilweise Holzhütten mit Plattenbauten ab. Wenn man dann weiter nach außen kommt, dominieren die neueren Plattensiedlungen, danach kommen wieder kleine Holzhütten innerhalb von weiten Grünflächen, die von weitem fast schon an deutsche Schrebergärten erinnern, und noch weiter außen finden sich dann die neuesten Siedlungen, wo auch ich gewohnt habe.

Essen
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Das Essen könnte so schön sein… wenn man kein Veganer oder Vegetarier ist oder anderweitig Ansprüche an sein Essen erhebt! 😀 Bitte versteht den folgenden Abschnitt nicht falsch, die russische Küche hat durchaus ihre Vorzüge, allerdings aus meiner Sicht auch einige „Problembereiche“.

Ein großes Manko der russischen Küche: Fett. Alles, von der Suppe bis zum Dessert, schwimmt in Fett und trieft nur so vor Öl. Das ist echt gewöhnungsbedürftig und bestimmt auch nicht so gesund. Lecker war es aber natürlich (oder gerade deshalb?) trotzdem.

In den ersten paar Tagen hatte ich zudem zeitweise echte Schwierigkeiten, überhaupt etwas zu Essen zu finden. Das liegt schlicht und einfach daran, dass in Russland häufig alle drei Mahlzeiten gefühlt nur aus Fleisch oder zumindest mehrheitlich aus diesem bestehen. Eine Dreiteilung wie in Deutschland („Hauptteil“ (Reis, Nudeln, Kartoffeln oder deren Verarbeitungen), Fleisch, Gemüse) habe ich selten gesehen. Stattdessen gab es eine Ein- oder Zweiteilung und ihr könnt ja mal raten, was gefehlt hat. Kleiner Tipp: Es war nicht das Fleisch. Viele Restaurant führen außerdem, wenn überhaupt, maximal einen kleinen Salat als vegetarisches Gericht. In der Mensa neben dem Wohnheim existieren auf dem gesamten Buffet (inklusive Vor- und Nachspeisen) nur 3 Gerichte, die vegetarisch sind (in Butter schwimmender Reis mit Mais, trockene Makkaroni und eine täglich wechselnde Art Gemüse). Dazu kommen vielleicht 20 Fleischgerichte. Dabei gibt es gar keinen Grund für diesen Fleischwahn.

In der Uni-Mensa hatten wir immer Einheitsessen. Nach einer kurzen Unterredung mit den Leuten von der Sommerschule wurde jedoch auch immer eine begrenzte Zahl vegetarischer Essen angeboten. Da zunächst nicht bekannt war, dass diese abgezählt waren, stürzten sich beim ersten Mal fast alle auf das Gemüse. Anschließend gab es eine Belehrung, und in den Folgetagen konnte ich spätestens dann schmachtende Blicke auf mir spüren, wenn ich mir meinen Nachschlag Gemüse abholte. 😉 Zu recht, wie ich meine! Denn die Auberginen und Zucchinis hier waren die leckersten, die ich bisher in meinem Leben gegessen habe und super Melonen gibt es hier auch! Außerdem bin ich durch meinen Aufenthalt auf den Geschmack von Buchweizen gekommen, der hier genauso oft wie Reis serviert wird.

Einmal waren wir auch auf dem Basar und neben dem vielen Fleisch und Fisch, der dort feilgeboten wurde, gab es auch sehr schöne Obst-, Gemüse- und Gewürzstände! 🙂 Und im Shoppingcenter haben mir die Selbstbedienungs-Tiefkühlboxen sehr gut gefallen (auch wenn der Fisch und die Meeresfrüchte dort nicht mehr allzu frisch aussahen).
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Kleidung
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Die russischen Frauen sind schon hübsch, das muss man ihnen lassen. Aber der Kleidungsstil hier… ohne Worte. Ich dachte durch meine bisherigen Erfahrungen in Osteuropa und Taiwan wäre ich gefeit gewesen, doch weit gefehlt. Ich habe im Alltag noch nie einen derart exhibitionistischen Kleidungsstil erlebt wie hier. Aktuell total im Trend zu sein scheinen hauchdünne oder netzartige Blusen, die wirklich nichts unverhüllt lassen. Dazu kommt, dass sich hier vielleicht eine von 100 Frauen, so machte es den Anschein, ohne mindestens 12cm hohe Stöckelschuhe aus dem Haus traut. Häufig hatte ich den Eindruck, die Frauen ziehen sich für den Alltag so an, wie deutsche Mädels, wenn sie auf dem Weg zum Club sind. Ob die Russinnen dann noch eine Schippe drauf legen, kann ich euch aber leider nicht sagen, da ich im Gegensatz zu den meisten anderen Teilnehmern der Sommerschule nicht feiern gegangen bin. ^^

Ansonsten merkt man auch hier wieder einmal, dass man in Sibirien ist: bei schönem Wetter, laufen nicht wenige Männer hier auch mal ohne T-Shirt durch die Gegend, fahren Bus oder machen was weiß ich nicht. Das würde einem in Moskau oder St. Petersburg sicherlich nicht passieren. 😀

Landschaft
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Die sibirische Landschaft ist wirklich sehr schön, und eindeutig eher einen Besuch wert als Krasnojarsk selbst. Es gibt eigentlich nur zwei Bilder, die sich ständig wiederholen und überall zu finden sind: sanfte, grüne Hügel und Wälder. Es gibt keine Felder und da wo keine Häuser stehen oder eventuell Kühe weiden, ist einfach nur eine große grüne Wiese oder ein Wald. Große Berge gibt es nicht wirklich, das heißt sobald man einmal auf einer Erhöhung oder dem Dach eines Hochhauses steht, bietet sich einem ein atemberaubender Ausblick, weil sich das Grün einfach bis zum Horizont erstreckt. Im Winter ist dieser Ausblick sicher noch schöner, weil dann die Wälder im Kontrast zum Schnee stehen. Allerdings würde ich mir im Winter sicherlich auch zwei mal überlegen, ob ich bei -30°C (Krasnojarsk wird nicht „sonderlich kalt“. Wir haben Leute aus weiter nördlichen Gegenden getroffen, die von ein bis zwei Monaten im Jahr bei -50°C oder weniger erzählt haben.) den Marsch zu einem der Aussichtspunkte im Nationalpark antreten wolle.

Mentalität
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Die Mentalität ist sicherlich der interessanteste und gleichzeitig der am schwierigsten zu beschreibende Punkt. Ich habe viel diskutiert, auch über politische Themen und im Alltag habe ich einige sehr kalte und einige sehr herzliche Momente erlebt. Ich denke an sich, sind die meisten Russen schon sehr herzlich. Nur zeigen sie das nach außen nicht so offen und man muss erst mit ihnen warm werden. Letztlich bin ich etwas gespalten in meiner Meinung. Fakt ist, die Russen sind in der Tat ein eigenes Völkchen und man muss sie schon selbst erlebt haben, um sich ein eigenes Bild machen zu können.

Beispielsweise hatte ich häufig das Gefühl, dass es meinem Gegenüber egal war, dass ich kaum Russisch konnte. Selbst wenn ich darauf hinwies, dass man doch bitte langsamer und einfacher sprechen solle, wurde immer genauso schnell und mürrisch – oder auch gar nicht, weiter gesprochen.

Eine schöne Geschichte ereignete sich wiederum im Bus: Wir wollten zu einem Restaurant, wussten aber nicht, ob jener Bus dort hält. Also versuchten wir uns mit Händen und Füßen mitzuteilen. Am Ende fuhr der Bus die halbe Strecke extra langsam, um nach der Nummer, zu der wir wollten, Ausschau zu halten. Als sich aber herausstellte, dass der Bus bereits vorher abbiegen musste, beauftragte der Fahrkartenkontrolleur einen Fahrgast, der auch aussteigen wollte, uns den Weg zu zeigen. Außerdem hielt der Fahrer direkt an der Kreuzung, wo er abbiegen musste, und ließ uns dort raus anstelle der nächsten Haltestelle. Der Kontrolleur machte zudem nicht mal Anstalten von uns Geld für die Fahrt zu verlangen. Vor dem Aussteigen drückten wir ihm dann aber doch die umgerechnet 50cent für jeden von uns in die Hand.

Bei den politischen Themen war ich mitunter überrascht. Manche Russen waren in der Tat erzkonservativ und würden sich vermutlich auch sofort ein T-Shirt wie das auf dem Foto oben kaufen (Dort steht: „Diene Russland“). Andere waren wiederum erstaunlich liberal und räumten sogar Fehler Russlands bei der Krim und Ukraine Krise ein. Zwar vermute ich, dass dies wohl damit zusammenhängt, dass diejenigen aus dem universitären Umfeld stammen und auch bereits in Deutschland gelebt und studiert haben und dass der einfache Bürger von der Straße bei diesen Themen vermutlich eine eindeutig pro-russische – oder aber gar keine Haltung einnehmen würde (von wegen: ich bin in Sibirien, was interessiert mich, was auf der anderen Seite des Landes vor sich geht), aber trotzdem will ich mich hier nicht festlegen. Wie überall gibt es solche und solche Menschen und mein Russisch ist bisher einfach zu schlecht, um einen echten Draht zu den Russen bekommen zu können.

Verkehr
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Der ist ungefähr fast genauso katastrophal wie in Taiwan, also nichts Neues für mich. Allerdings gibt es zwei Lichtblicke: die Russen halten sich an rote Ampeln und das Prinzip Zebrastreifen funktioniert. Ansonsten gilt wohl das Motto: „Fährt nicht, gibt’s nicht“. Zwar finden sich auf den Straßen auch Hummer, teuerste Edelkarossen und Limousinen, aber die Mehrzahl der Karren, die hier rumtuckert, hat mindestens eine Beule, kaputte Scheiben oder einfach mal keinen Unterboden (ich meine, wozu auch?! Wird doch vollkommen überbewertet)! 😀

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Wetter
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In Bezug auf das sibirische Wetter muss ich zugeben, dass auch ich jahrelang blauäugig durchs Leben gegangen bin. Man merkt sofort, dass es hier keinen Golfstrom gibt und das Klima klar kontinental geprägt ist. Die Winter mögen zwar eisig kalt sein, doch die Sommer sind mindestens ebenso knallig heiß. In den vergangenen zwei Wochen hatte ich mit Sicherheit besseres Wetter als in Deutschland! 😉
Wenn es dann aber doch mal regnete, fühlte ich mich wie nach Taiwan während einem Taifun zurückversetzt.
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Wodka
Ohne viel Gelaber: das war nicht die Alkohol-, sondern bloß die Wodka-Abteilung im Supermarkt. 😀 😉

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